Ent-entfremdung - Wie es sein kann

Hallo ihr lieben Menschen,

der erste Blogartikel nach dem Release vom großen Spektakel hat ein wenig auf sich warten lassen. Ich bin in den letzten Wochen phasenweise in meinem Mail-Postfach ertrunken, hab Interviews gegeben, auf Weihnachtsfeiern gespielt und bin schließlich nach dem Stressabfall, wie es sich gehört, erstmal richtig schön krank geworden. Inzwischen bin ich aber wieder ansprechbar und hab zum neuen Jahr direkt ein paar Gedanken, frisch aus meinem erstaunlich unverkaterten Kopf, für euch.

Ich schiebe hier mal kurz dieses nette Foto von meinem kleinen Benefikonzert im Würzburger "Viertelcafé" ein, weil ich mich darauf so schön freue und um euch zu zeigen, dass der Artikel jetzt quasi so richtig losgeht. (Foto: Ralf Thees)
Ich schiebe hier mal kurz dieses nette Foto von meinem kleinen Benefikonzert im Würzburger "Viertelcafé" ein, weil ich mich darauf so schön freue und um euch zu zeigen, dass der Artikel jetzt quasi so richtig losgeht. (Foto: Ralf Thees)

Wahrscheinlich habt ihr ja mitbekommen, dass ich vor knapp zwei Monaten mein neues Album "Das große Spektakel" veröffentlicht und kostenlos auf meine Seite gestellt hab. Inzwischen wurde es viele tausend Male gestreamed und heruntergeladen und ich möchte euch hier mal davon berichten, wie schön es sich anfühlt, auf diese Art und Weise Musik zu verteilen und mich an einem Transfer Richtung "entfremdeter Konsum" versuchen.

Das Kaufen und Verkaufen von Musik ist zu Zeiten von Spotify und Amazon ja eine ziemlich abstrakte Angelegenheit. Man überweist ein paar Euro (im Monat) und bekommt dafür entweder ein Päckchen mit einem Tonträger nach Hause geliefert oder darf sich eben online eine gigantische Musikdatenbank aus dem luftleeren Raum saugen. Das ist zwar alles wahnsinnig praktisch und simpel, auf der anderen Seite aber doch ein ziemlich entfremdeter Prozess, bei dem man sich auf Nichts und Niemanden wirklich einlassen muss. Nachdem meine Platte nur auf meiner eigenen Homepage zu haben ist, kommt man gezwungenermaßen "bei mir zu Hause" vorbei. Hier kann ich den Rahmen setzen und wer sich darauf einlässt, kann sich im Blog durchlesen in welchem Kontext das Album steht, schauen, was andere Leute so dazu sagen und mir (hoffentlich nette) Nachrichten schreiben. Man ist also unmittelbar dazu eingeladen einen Schritt näher zu kommen und ein bisschen tiefer einzutauchen.

Erst neulich hab ich eine (zum Glück nette) Mail bekommen, in der sich ein Hörer bei mir bedankt hat, dass er aufgrund des Rahmens und dem Extra-vorbei-kommen-müssen endlich mal wieder das getan hat was er sich "sonst immer nur vornimmt und viel zu selten macht":
Ein Album von vorne bis hinten durchhören und die "Musik in Ruhe und Gänze genießen und durchdringen."

Wahrscheinlich erreiche ich mit meiner "Methode" weniger Menschen als über die üblichen Vertriebswege. Dafür hat die Verbindung zwischen mir und allen, die dazu bereit sind, bei mir vorbeizuschauen, eine ganz andere Tiefe, oder wenigstens ist das Potential dazu vorhanden. In Zeiten, in denen quasi alles immer überall verfügbar ist und wir unendliche Wahlmöglichkeiten haben, scheint mir oft eben diese Tiefe verloren zu gehen. Man nimmt zwar mehr Dinge wahr, bleibt dabei aber nur oberflächlich und lässt sich eher selten wirklich anrühren. Das mit der Tiefe gilt übrigens für beide Seiten. Ich hab in den letzten Wochen dutzende schöne Mails, wie die oben zitierte bekommen. Oft geht es um die Musik, meistens um das Außenrum, und die lieben Leute, die mich mit einem Geldbetrag unterstützen (vielen vielen Dank!), hinterlassen in ihren Überweisungen und Paypal-Transaktionen kleine Nachrichten:

"Für eine Woche Nudeln mit Pesto oder einmal Essen gehen"


"Letzte Woche Nachtfahrt von München nach Stuttgart mit deinem neuen Album."


"Für ein Biobrot"

"Du hast da wirklich ein Fass aufgemacht, den Deckel bekommst du alleine nicht wieder drauf. Fall nur nicht rein."

sind nur ein paar Beispiele. Ein anderer Hörer hat gemeint, er würde mir gerne helfen und er habe zu Hause noch ein gutes Gitarren-Effektpedal rumfliegen, das er nie benutzte. Ein paar Tage später hat mir der Postbote ein Päckchen in die Hand gedrückt und nun kommt das Ding bei meinen Konzerten zum Einsatz. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen wie viel schöner sich das alles anfühlt, als Ende des Jahres vom Vertrieb eine Abrechnung mit ein paar nüchternen Zahlen zu bekommen. 

Aus erster Hand die Erfahrung zu machen, wie sich so ein ent-entfremdeter Austausch anfühlen kann und den Unterschied wirklich zu verstehen, ist mit Geld nicht zu bezahlen. Zumal ich entfremdete Arbeit und entfremdeten Konsum, sei es bei Lebensmitteln, Klamotten oder sonst überall, für eine wesentliche Problematik unserer Zeit halte. Wir fahren nicht spontan in einer Kaffeeplantage oder Textilfabrik am anderen Ende der Welt vorbei, um uns zu vergewissern, dass dort niemand ausgebeutet wird und bedanken uns schon gar nicht persönlich für den leckeren Espresso oder das schöne T-Shirt. Selbst Bio-Fleisch würden wir wahrscheinlich nicht kaufen, wenn wir mal einen Blick in einen Schlachthof oder auf die Klima-Bilanz geworfen hätten und eigentlich will niemand, dass für unsere Smartphones Menschen in irgendwelchen Minen für seltene Erden krepieren müssen. Was da alles zwischen erstem Produktionsschritt und Ladentheke passiert und wer wofür (nicht) bezahlt wird, lässt sich nur schwer nachprüfen, Transparenz oder gar direkter Kontakt bleiben uns in der Regel verwehrt.

Obwohl ... wenn wir ganz ehrlich sind, haben wir eigentlich mehr Ahnung, als wir uns selbst zugestehen möchten. Wenn die Verdrängungsmechanismen und die eigene Trägheit nur nicht so verdammt effektiv wären.

Aber das ist eine andere Geschichte. Ich möchte hier nicht Dinge aufzählen, die verquer laufen, die aber eigentlich eh schon bekannt sind, sondern die Mechanismen, die uns dazu bringen, trotzdem nichts (in diesem Fall das eigenen Konsumverhalten) zu ändern, hinterfragen, verstehen und versuchen, positive Gegennarrative zu finden. Geschichten, die etwas anderes erzählen, als die festgefahrene scheinbare Alternativlosigkeit verstauber Strukturen. Wenn auch erstmal im Kleinen.

Euer (sich ein kleines bisschen weniger verstaubt fühlender)

Hannes

Dieser Blogeintrag ist die Fortsetzung zu folgenden Artikeln:
UM KEINEN PREIS - WARUM ICH MEINE MUSIK VERSCHENKE
 

NUDELN MIT PESTO GEGEN DIE KRISE - WIE ES SICH ANFÜHLT

NIEMAND IST EINE INSEL - WORUM ES GEHT

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Kommentare: 5
  • #1

    Marco Adler (Dienstag, 01 Januar 2019 15:19)

    Unfassbar wahre Worte.. Wie so oft. Danke für die ent-entfremden Erfahrungen.
    LG Marco

  • #2

    Luise (Dienstag, 01 Januar 2019 20:43)

    Hannes, voranes. Ach freu, froi, frei in allen Schrei(B)-Weisen. Du bist ein Mutmacher und so unfassbar bescheiden und sympathisch. Ich fürchte Du hast Unrecht mit Deinem Song, DU bist NICHT entbehrlich und Dein Streben maximal bananal mit oder ohne Toastbrot. Weiter, Junge! �

  • #3

    Nicole N. (Dienstag, 01 Januar 2019 21:10)

    Und wenn Deine Worte und Deine Songs nur einen winzig kleinen Stupser in den Hirnen von ein paar Menschen bewegen... dann ist es vielleicht genau dieser letzte Stupser, der ihnen noch gefehlt hat, um tatsächlich aufzustehen und rauszugehen und was zu TUN und was zu ÄNDERN und was ANZUFANGEN... bei sich und bei anderen. Bitte weiterstupsen, lieber Hannes! Danke!

  • #4

    Maik (Mittwoch, 02 Januar 2019 21:42)

    Deine Lieder haben mir schon so viele Bahnreisen erträglich gemacht und auch so viele Morgenwege sowie den anschließenden Tag um so viel freundlicher gestimmt. Vielen Dank, lieber Hannes, für Deine Poesie und Deine Musik. Sie machen mein Leben sehr viel reicher!

  • #5

    Christian (Freitag, 04 Januar 2019 22:58)

    Feine Worte. Feine Musik.