Über Geld spricht man nicht - Hat es sich gelohnt?

Hallo ihr lieben Menschen,

vor 2 Wochen bin ich von meiner Releasetour zum großen Spektakel zurückgekehrt. Ich durfte zusammen mit meiner ganz und gar großartigen Band 18 Konzerte auf Pay-What-You-Want-Basis quer durch die gesamte Republik spielen. Worum es mir dabei vor allem geht und was ich mir davon erhofft habe, hab ich neulich in diesem Erklärvideo zusammengefasst. Ursprünglich hatte ich vor, nach der Tour hier im Blog eine transparente und haargenaue Aufschlüsselung und Analyse meiner Einnahmen und Ausgaben zu veröffentlichen. Auf die Frage "ob es sich lohnt", hätte ich dann also in etwa so geantwortet:

- Auf der Tour haben 2797 Menschen insgesamt 44 223 € gezahlt, was einem durchschnittlichen Eintritt von 15,81 € (brutto) pro Person entspricht (manche haben 5 € gegeben, viele irgendwas zwischen 10 und 20 € andere wiederum 30 oder sogar 50 €. (Jemand hat sogar Eintritt gezahlt obwohl er am Konzertabend verhindert war, weil er Leuten mit weniger Geld das Ticket subventionieren wollte)

- Es war ein gutes Drittel weniger Publikum auf den Konzerten als bei meiner letzten Tour als Spaceman Spiff (das liegt wohl zum einen am Namenswechsel und zum anderen an der Tatsache, dass man unverbindlich Tickets reservieren konnte, statt bereits im Vorverkauf Geld auszugeben und sich damit schon vorher auf den Konzertbesuch festlegen zu müssen).

- Meine Kosten für Band, Techniker, Tourbegleitung, Unterkünfte an freien Tagen, Bahntickets, Sprit, Miete für die Probebühne, Essen und Tourbus lagen bei insgesamt 17 345,72 € (netto) und es war damit die aufwändigste Tour, die ich je gespielt habe.

- Meine Einnahmen (nach dem Anteil für die lokalen Veranstalterinnen und Veranstalter, Steuern und den Prozenten für meine Bookingagentur) lagen bei 17 720,50 €, was mir wiederum einen "Reingewinn" von 374,78 € (beides ebenfalls netto) für die gesamte Tour lässt.

- Dafür, dass ich hier quasi einen Prototypen unter Vollast getestet habe und bereit war, dabei auch draufzulegen, kann ich mit dem Ergebnis also durchaus zufrieden sein.

Im Nachhinein muss ich aber sagen, dass ich in den letzten Wochen insgesamt doch wieder sehr viel mit einem Thema beschäftigt war, das ich eigentlich zurückfahren wollte.


Geld.

Das hier sind die kompletten Bareinnahmen vom Konzertabend in München, vor Abzug aller Kosten. Schon absurd, dass dieser Haufen buntes Papier einem Gebrauchtwagen oder eben dem Gegenwert eines Konzertes entsprechen soll.
Das hier sind die kompletten Bareinnahmen vom Konzertabend in München, vor Abzug aller Kosten. Schon absurd, dass dieser Haufen buntes Papier einem Gebrauchtwagen oder eben dem Gegenwert eines Konzertes entsprechen soll.

Ich hab die Erfahrung gemacht, dass so ein Konzert in den meisten Fällen vor allem aus betriebswirtschaftlicher oder aus musikalischer (bzw. künstlerischer) Sicht betrachtet und bewertet wird. Diese beiden Pole stehen sich nicht selten diametral gegenüber, so dass man auf der einen Seite Abstriche machen muss, um den Fokus mehr auf die andere Seite legen zu können. Das ist in der Kommunikation zwischen allen Beteiligten oft schon schwer genug und sorgt nicht selten für Konflikte. In meinem Fall ist nun zusätzlich eine ideologische Ebene dazugekommen, was die Sache noch ein bisschen komplexer macht. Natürlich bewertet es ein lokaler Veranstalter, der seinen Lebensunterhalt mit Konzerten verdient, erstmal negativ, wenn er draufzahlen muss weil aufgrund meines komischen Konzeptes weniger Leute kommen. Auch ich muss mich fragen, wie oft ich es mir überhaupt leisten kann, mit dieser Band und dem damit verbundenen Aufwand Konzerte zu spielen (also eine künstlerische Entscheidung), ohne dass ich auf der betriebswirtschaftlichen Ebene nachbessere indem ich auf der ideologischen Ebene Kompromisse eingehe. 

Das alles hat dazu geführt, dass ich immer wieder das Gefühl hatte, die "Legitimität" der Tour hinge am Ende von ihrem finanziellen Erfolg ab. Nicht zuletzt, weil das in unserer Zeit und natürlich auch in der Musikwelt (zumindest ab einem gewissen "Level") eben die gängigste Bewertungsgrundlage ist. Die Charts treffen ja letztendlich auch nur eine Aussage darüber, wie viele Produkte eine Band in einem bestimmten Zeitabschnitt verticken konnte und das Wörtchen "ausverkauft" scheint die Konzerttermine oft eher wie ein "Prädikat: besonders wertvoll" zu schmücken, als einfach Auskunft darüber zu geben, dass leider nicht genug Platz ist für alle, die gerne vorbei schauen wollen.

 

Zurück zur Frage. Hat es sich also "gelohnt"?

Ich möchte mit dieser Tour und überhaupt der ganzen Aktion niemandem etwas beweisen und dahinter steckt weder eine ausgefuchste Form von Marketingstrategie, noch bin ich auf der Suche nach einem Weg, wie Musikerinnen und Musiker besser oder irgendwie anders von ihrer Kunst leben können.

In Interviews, Zeitungsartikeln und Ankündigungen werde ich oft als einer beschrieben, der gegen die böse Musikindustrie rebelliert und um sein Stück vom Kuchen kämpft. Ich lasse mich dann immer wieder darauf ein ...  einfach weil natürlich stimmt, dass ich Firmen wie Spotify, CTS Eventim, Amazon und Co absolut kritisch sehe und mich seit Jahren immer wieder darüber ärgere wenn ich oder befreundete Kolleginnen und Kollegen mit den Strukturen im Musikbusiness zu kämpfen haben. Aber es ist und bleibt eben immer nur ein kleiner Auswuchs vom "großen Ganzen", das mir Sorgen bereitet.

Ich verfolge die Entwicklungen der letzten Jahre, denke sie weiter, stelle mir die Welt in 10, 15 oder 20 Jahren vor und sehe eine absolute Notwendigkeit, die Art und Weise, wie wir wirtschaften und wie wir über Arbeit, Gesellschaft und Verantwortung nachdenken, radikal zu ändern. Und zwar so schnell es geht oder dann eben früher oder später gezwungenermaßen.
Nachdem ich in der Politik wahrnehme, dass eigentlich nur noch auf Umstände und Ereignisse reagiert, höchstens bis zur nächsten Legislaturperiode gedacht und geplant, und unter großem Einfluss von wirtschaftlichen Interessen gehandelt wird, hab ich angefangen auf individueller Ebene zur rotieren, meinen Beruf zu hinterfragen und mich vom ewigen "man müsste"-Gerede auf eine Handlungsebene zu retten. Auch wenn es an einigen Ecken und Enden vielleicht naiv wirkt und ich mich dabei als Sozialromantiker oute.


Um das alles nicht aus den Augen zu verlieren, möchte und muss ich aufhören, (zu viel) über die Musikindustrie und wirtschaftlichen Erfolg oder Nichterfolg zu sprechen. Wenn ich dabei zufällig herausfinde, dass es Alternativen zu den gängigen Strukturen gibt, die sich sogar finanziell tragen: umso schöner. Aber die Frage "ob es sich lohnt" beantworten (so lange ich durchhalte und es mir leisten kann) nicht ein paar rote oder schwarze Zahlen vor einem Eurozeichen, sondern (sofern ihr meine Einladung annehmt) ihr und ich.

Euer

Hannes

P.S. Ich für meinen Teil würde die Frage übrigens mit einem klaren "Ja" beantworten! Über ein paar schöne und spannende Dinge, die mir seit meiner "Umstellung" so aufgefallen sind, hab ich ja schon Anfang des Jahres einen Blogartikel geschrieben:
ENT-ENTFREMDUNG - WIE ES SEIN KANN
Ähnliche Erfahrungen mit einem irgendwie tieferen Verhältnis zu meinem Publikum, mit du(t)zenden Nachrichten und Gesprächen über Musik, Nichtmusik, die Rettung der Welt und all die schönen Unwichtigkeiten des Lebens, hab ich auch auf der Tour gemacht ...


Danke Euch! (Foto Bendix Vogel)
Danke Euch! (Foto Bendix Vogel)

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Kommentare: 6
  • #1

    Manu (Montag, 11 März 2019 14:32)

    Lieber Hannes, vielen Dank für dein Feedback und ebenfalls "Danke" für die Offenlegung der Zahlen. Nun stellt sich jedoch die Frage für mich - was können wir weiterhin tun um dich und auch die Band zu unterstützen!!? Fakt ist - wir wollen, dass Hannes weiterhin seine Musik mit uns teilt und trotzdem seine Miete bezahlen kann. Daher...wähle ich den Button "Unterstützen" lieben Dank euch allen für die großartige Tour.
    LG Manu

  • #2

    Patrick (Montag, 11 März 2019 15:02)

    Lieber Hannes,
    vielen Dank für die Ehrlichkeit und die Offenlegung. Ich für meinen Teil habe sowohl für Konzert als auch für das Album überdurchschnittlich (im Sinne von: Mehr als jeder zweite) viel bezahlt und könnte mich jetzt toll finden, ich gehöre aber nunmal zur priviligierteren Klientel und kann es mir leisten. Ich würde dir zwar daher gern dazu raten, dass du gern öfters die Menschen bitten kannst, dir zu spenden, wenn sie weiterhin wollen, dass du Musik machst; auf der anderen Seite weiß ich aber auch (bzw. glaube ich zu wissen), dass das nicht deinem Wesen entspricht und dass es eben Menschen gibt, die das verschreckt, weil sie eben nicht priviligiert sind und dann vielleicht gar nicht mehr zu den Konzerten kämen. Ich empfand es in Köln auch als etwas seltsam, dass ein Richtwert von 18€ am Eingang steht, denn das widersprach in meiner Wahrnehmung eben der ganzen Idee von "Pay what you want" bzw. "Pay as much as you can such that you can still pay your rent and afford food".

    Meine Conclusio ist also, dass es furchtbar kompliziert ist und bleibt; ich bin dir aber dennoch überaus dankbar, dass du dieses Experiment gewagt hast, denn wir brauchen - wie du selbst implizit oben beschrieben hast - mehr Hannes Wittmers, wenn wir unser Wirtschaftssystem ändern wollen.
    VG Patrick

  • #3

    Johannes (Montag, 11 März 2019 15:06)

    Vielen Dank für deine Einblicke

  • #4

    Hannes (Montag, 11 März 2019 15:32)

    hallo auch und danke erstmal für eure kommentare!

    @patrick
    über die sache mit der fixen zahl auf dem einlass-info-schild habe ich lange nachgedacht und diskutiert. du hast völlig recht, dass das bei weniger gut betuchten gästen auch unterschwellig druck ausüben kann ... es ist aber in der tat auch ganz schön kompliziert weil die strukturen im livebetrieb nicht auf so ein konzept ausgelegt sind und bei so einer aufwändigen tour einfach viel mehr leute involviert sind, die ich auch berücksichtigen möchte.

    wir haben uns dann aus tranzparenzgründen dafür entschieden die ~15 € als anhaltspunkt für einen durchschnittsbetrag, mit dem wir nachhaltig arbeiten können, anzugeben (oder ~18 € ... wir haben die zahl im laufe der tour den voraussetzungen angepasst). es haben ja wirklich ein paar veranstalter draufgelegt und ich selbst würde bei so einem konzertbesuch auch gerne wissen wollen wo in etwa die grenze zwischen "reicht" und "reicht nicht" liegt. dass es trotzdem völlig okay ist auch weniger zu zahlen hatte ich ja in meinem erklärvideo betont ... das hätte ich übrigens am allerliebsten in voller länge auf dem einlassschild gehabt, aber die 8 minuten hätten da wohl leider im wahrsten sinne des wortes den rahmen gesprengt. :)

  • #5

    Micha (Montag, 11 März 2019)

    Hi Hannes, dein Konzept fand ich schwer interessant, weil es mir deutlich gemacht hat, wie sehr unsere Wertigkeiten schon genormt sind. Was spende ich dir für dein Album als downloadfile? Mach ich sonst nie, da ich Platten kaufe und da ist der File mit dabei - Aber Standard sind 9,99€ - festgelegt von iTunes oder Amazon. Dann auf dem Konzert - doch eine Schallplatte - juhu - was kostet die? Sonst bezahl ich irgendwas zwischen 15-25€ im Normfall. Also 20€ am Ende, bleibt man doch im bekannten Rahmen, weil man diese "Wertigkeit" "gelernt" hat oder weil man es sich leisten kann. Für dein Konzert wollte ich eigentlich 15€ ausgeben. Dann stand da ein Schild, das suggerierte, dass 18€ Durchschnitt und kostendeckend wären. Also habe ich 20€ bezahlt. Gut ist dein Konzept für Menschen mit geringem Einkommen, denen du so auch ermöglichst, an deinem Konzert teilzunehmen. Aber warum muss sich ein Künstler darum kümmern, könnte man fragen? Es war mutig von dir diesen Schritt zu gehen und ich bin froh, dass er dich nicht völlig ruiniert hat. Dein Album ist toll und das Konzert war schön. Mit der Reservierung hat es nicht so gut geklappt. Aber es war ja am Ende auch nicht nötig. Schade, dass nicht alle deinen Namenwechsel mitbekommen haben. Ich schlage ein best of Akustik-Abum der Spaceman Songs als Hannes vor. Ich würde es kaufen. Bis dahin auch,wenn ich keinen Hannes Fanbutton an meinem Facebookprofil will, still a fan
    M.

  • #6

    Hannes J. (Mittwoch, 17 April 2019 08:47)

    Hallo Hannes,

    danke für das Aufschreiben deiner Gedanken.

    Ich kenne mich in der Musikbranche nicht aus und war erst einmal überrascht, wie hoch die Kosten sind, die an so einem Konzert hängen. Ich erinnere mich noch an die Kartenpreise von Spaceman Spiff im Lido, die waren nicht viel höher als deine Empfehlung für die jetzige Tour. Weil ich euren Schritt zum Spendenmodell mutig und wichtig finde, hatte ich auch deutlich mehr gegeben. :)

    Insofern stimmt mich dein Blogbeitrag wirklich ein wenig traurig. Traurig, dass euer Modell euch nur knapp 300 € beschert, wenn ihr doch soviel mehr verdient. Und besorgt, ob ihr unter diesen Bedingungen noch weiter eure tolle Musik machen könnt.

    Hier ein paar ungeordnete Gedanken zu eurem Modell:
    Ich denke, Spenden benötigen immer einen Anlass – sei es ein Albumrelease oder eine Tour (ja oft gekoppelt). Nun steckt in einem Album so viel Arbeit, dass ihr nicht jedes Jahr ein neues raushauen könnt. Eine Tour kostet Kraft und wer will dauerhaft von seinen Liebsten getrennt sein. Spendenfinanzierte Podcasts haben hier den Vorteil, im Wochen- oder Monatsturnus kleinere Häppchen zu liefern, und somit präsenter bei den Hörern und Spendern zu sein.

    Ich denke, euer Re­per­toire ist großartig und ein Auftritt braucht nicht immer den Anlass eines neuen Albums. Im Gegenteil: am Ende eines JEDEN eurer Auftritte möchte ich beim Rausgehen gleich wieder rein! :)

    Habe übrigens gestern einen Dauerauftrag eingerichtet.

    Alles Liebe, alles Gute,
    Hannes (der so laut pfeifft)