Um keinen Preis - Warum ich meine Musik verschenke

Hallo ihr lieben Menschen,

ich habe mich dazu entschlossen, mein nächstes Album zu verschenken. Es wird also weder im Handel, noch bei den gängigen Streaming- und Downloadplattformen zur Verfügung stehen. Zusätzlich möchte ich auch meine Konzerte (soweit möglich) auf Pay-What-You-Want-Basis spielen. Es ist für mich sowas wie eine Radikalkur von der Musikwirtschaft, ihren Mechanismen und Widersprüchen.

Als "Indie-Musiker" hatte ich immer das Gefühl mit meinem Beruf in einer Blase, relativ abseits der großen Konzerne, existieren zu können. Bei genauerer Betrachtung stellt sich das leider als eine ziemlich naive Vorstellung heraus. Sobald ich eine Platte veröffentliche, verdienen Firmen, mit denen ich, zumindest beruflich, eigentlich möglichst wenig zu tun haben möchte, Geld mit meiner Musik.  Amazon, Apple, Google, Eventim, Spotify und co. freuen sich mit mir über verkaufte Tickets, Streams, Downloads und CDs. Sogar das Majorlabel Sony Music hat im letzten Jahr den digitalen Indie-Vertrieb finetunes aufgekauft und macht seitdem zusätzlich auch mit Spaceman Spiff und hunderten weiteren deutschen Indie-Musiker*Innen und Bands Profite.

Die Strukturen in der Musikindustrie sind keinen Deut besser als in jedem anderen Wirtschaftszweig. Monopole werden angestrebt, die Konkurrenz an allen Ecken und Enden aufgekauft. Man macht sich unabdingbar und kann im Idealfall als Zwischenhändler überall mitverdienen. Auch die kleinen, sympathischen Labels sind dazu gezwungen, entweder mit den Methoden der "Großen" zu arbeiten oder eben früher oder später dicht zu machen.

Ich will mit meiner Musik kein Teil davon sein ... oder zumindest nicht mehr.

Aber warum dann gleich alles verschenken?
Nunja ... die Kritik an der Musikwirtschaft ist eigentlich nur die Spitze des Eisberges. Es würde den Rahmen sprengen jetzt auf alles einzugehen, was mir dabei so durch den Kopf geht und ich werde euch in den kommenden Monaten immer mal wieder im Blog Gedanken und Erklärungen nachliefern. Wahrscheinlich ist unschwer zu überlesen, dass ich mich in letzter Zeit nicht unbedingt durch die Kategorie "Romantische Komödien" bei Netflix geguckt habe (jedenfalls nicht durchgehend). Mich hat vor allem beschäftigt, was der entfesselte Kapitalismus mit seinem Wachstumszwang, Leistungsdruck und Konkurrenzdenken mit unserer Gesellschaft anstellt.

In Zeiten der Digitalisierung werden wir rund um die Uhr als wirtschaftliche Einheiten gesehen. Algorithmen stufen uns ein und ballern uns mit der entsprechenden Werbung zu, während wir selbst in unseren Köpfen immer mehr wie genau die Konsumenten denken, als die wir auch gesehen werden. Wir "investieren" in Freundschaften und Beziehungen, bewerten alles nach Kosten und Nutzen, wägen ab, nicht selten zwischen unserem Gewissen und dem Preis, den wir bereit sind zu zahlen.

Ich möchte versuchen, davon ein Stück weg zu kommen und euch gerne kein Produkt anbieten ... kein Preisschild, keinen Kaufvertrag, kein Crowdfunding, keine Ticketgebühren, keinen exklusiven Content.

Mir ist bewusst, dass ich mich von der Welt, wie sie gerade nunmal ist, nicht abkoppeln kann und auch den Kapitalismus werde ich wohl nicht stürzen (jedenfalls nicht in absehbarer Zeit). Ich kann aber aus meiner Lebenswirklichkeit heraus aktiv werden und eine Alternative ausprobieren. Dieser Gedanke fühlt sich befreiend an und scheint mir auch wirksamer zu sein, als mich nur über das Bestehende zu beschweren oder eine konsumkritische Platte aufzunehmen, die man sich dann bei Media Markt kaufen kann.

Wenn ihr mir dabei helfen möchtet, weil ihr mein Experiment gut findet, weil euch die Musik etwas bedeutet oder ihr eh noch ein schlechtes Gewissen habt, nachdem ihr damals die Spaceman Spiff-CD von eurem Kumpel gebrannt habt, könnt ihr das gerne HIER tun.

So oder so freue ich mich übers Zuhören. Als kleine Vorschau hab ich in der Kategorie Album meine allererste Demoaufnahme von "Fragen" online gestellt, dem Opener der kommenden Platte.

Danke!

Euer

Hannes

Nachtrag: Wie versprochen hab ich inzwischen ein paar tiefergehende Erklärungen zu meiner Entscheidung nachgeliefert. Und zwar in diesem Blogeintrag.

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Kommentare: 26
  • #1

    Bene (Montag, 11 Juni 2018 15:42)

    Hi Hannes,
    gute Idee, welche ich gerne in Zukunft unterstützen möchte.
    Gerne würde ich mir deinen neuen Song anhören, kann "Fragen" aber leider unter der Kategorie Album nicht finden. Liegt es an mir oder ist dort ein Fehler passiert? ;)

    Grüße

  • #2

    Hannes (Montag, 11 Juni 2018 15:57)

    hi bene,

    besten dank... es liegt nicht an dir. werde den song in der nächsten stunde noch einfügen. ich hätte nur nicht gedacht, dass sich jemand auf meine neue seite verirrt, noch bevor ich das ding öffentlich gepostet und beworben hab. :)

    grüße

    hannes

  • #3

    Tony (Montag, 11 Juni 2018 16:55)

    Wow, what a bold (and noble) move. I wish you every success. You deserve it.

    P.s. Sorry, too scared to post in German.

  • #4

    Wolf (Montag, 11 Juni 2018 17:27)

    Einfach nur ein Kuss und ein Danke!

  • #5

    Tilli (Montag, 11 Juni 2018 19:37)

    Geile Aktion!!!
    Aber erst heiß machen und nun den SOng noch nicht hochgeladen haben...DAS geht nun wirklich nicht!
    Bessere Dich! ;-)

  • #6

    Hannes (Montag, 11 Juni 2018 19:39)

    asche über mein haupt, aber ist ja inzwischen alles an ort und stelle...

  • #7

    Luise (Montag, 11 Juni 2018 22:20)

    Das finde ich phantastös und das obwohl das gestreamlinete Handy dieses Wort schon gekannt hat. Denken ist etwas, das nichts kostet und Vordenken etwas, ohne das die Welt sich nicht bewegen kann. Wirtschaft war mal etwas, wo man Bier getrunken hat, heute macht sie uns platt. Danke für dein vieles vor und mit. Ich hoffe du teilst weiter mit uns Töne, Worte Gedanken, Träume und den Willen zum Wir. Danke!

  • #8

    Der andere Hannes (Dienstag, 12 Juni 2018 08:47)

    Ich finde das einerseits super, andererseits hätte ich deine Musik ohne Spotify niemals entdeckt. :-I

  • #9

    Thomas (Dienstag, 12 Juni 2018 10:54)

    Hallo Hannes, ein mutiger Schritt! Bist denn dann nicht mehr bei Grand Hotel van Cleef zu booken?

  • #10

    Hannes (Dienstag, 12 Juni 2018 11:11)

    moin alle,

    danke für die lieben kommentare!

    @thomas
    mit dem ghvc booking arbeite ich noch zusammen. über die details reden wir da noch...

  • #11

    Annika (Dienstag, 12 Juni 2018 11:24)

    heyho hannes,
    das klingt alles toll und ich freu mich unglaublich auf das neue album und noch mehr auf deine konzerte.
    grüße!

  • #12

    Steffi (Dienstag, 12 Juni 2018 11:47)

    Hach. Wie immer hast Du einen feinen Gedanken sehr schön formuliert. Bin jetzt sehr gespannt auf das neue Album und hoffe, wir können Dich in Hamburg bald mal wieder live sehen! (wird es noch vorab online Tickets geben? oder werfen wir am Eingang was in den Hut und wenn voll ist, ist voll? der Saal, nicht der Hut...)

  • #13

    Hannes (Dienstag, 12 Juni 2018 11:50)

    @steffi
    wir bauen da gerade an ner eigenen reservierungsoftware für die seite.

  • #14

    Cem (Dienstag, 12 Juni 2018 11:50)

    Das ist einfach unfassbar schön und inspirierend und dein neuer Song untermalt das lyrisch noch einmal herrlich. Ich hoffe, ich werde dich dabei noch unterstützen können, wenn sich meine Wege noch einmal mit deinen konzertlocations kreuzen!
    Ganz liebe Grüße

  • #15

    Tom (Dienstag, 12 Juni 2018 20:34)

    Dein neues Lied klingt nach Hannes Sound so wie ich ihn mag. Deine Fans ticken so wie Du und werden dich immer ohne Umweg unterstützen, ohne Kommerzdschungeldickicht... �

  • #16

    Tobias (Dienstag, 12 Juni 2018 20:57)

    Wow... große, schwere und spannende Gedanken. Da kann man sich ja nur auf deine neuen Texte freuen (und dir vor allem wünschen, dass du Möglichkeiten findest, Alternativen zu unserem System zu leben). Oh Bartleby gehört zu meinen absoluten Lieblingsliedern von dir, den ich jedem vorspiele, der mir über den Weg läuft. Und diese Gedanken klingen von diesem Song aus konsequent weitergedacht. Alles Gute dafür!

    Ein bisschen traurig bin ich allerdings schon, dass es dann keine CD geben wird. Für mich ist das nämlich auch ein Stück Protest gegen die Digitalisierung, dass ich mir noch gerne CDs zuhause ins Regal stelle, die man anfassen kann. Und ne selbstgebrannte ist da nicht das gleiche. Wie wäre es denn mit optionalen CDs im Eigenvertrieb? So oder so freue ich mich aber schon unheimlich auf die neue Musik.

  • #17

    Thorsten (Dienstag, 12 Juni 2018 21:14)

    Gute Gedanken, schwerer Weg und doch vielleicht leichter denn jeh.... habe mir meine OTAGO CD in den Player geschoben (da bin ich bei Tobias!!!) und schreibe Dir ein paar Wünsche, dass du gut damit lebst diesen Weg zu gehen, dass Du weiter deine "Fans" - eher alles "Zuhörer" - erreichst und wir Dir ein Stück weit folgen können, dürfen...
    Wo stecke ich dann nächstes Mal deine erste Setlist vom ersten OTAGO Konzert hin - heute in der CD-Hülle.... morgen? - ja in der cloud wird alles wolkig und aufgelöst - nichts gehört niemandem mehr - eigentlich ein guter Ansatz, der aber leider nur dem Kommerz zuarbeitet und verfällt nicht wirklich frei lässt.
    Kann deine Beweggedanken gut verstehen, werde Dich stets unterstützen und hoffe Dich bald wiederzusehen, zu hören...
    Basel / Würzburg ist leider weit weg vom Pott.
    Lieben Gruß...
    PS: Datenschutzerklärung gelesen... letzte Woche ein sehr schöner Artikel in der Zeit dazu (Z)...

  • #18

    Melanie (Dienstag, 12 Juni 2018 21:20)

    Lieber Hannes,

    wie wäre es denn für Dein Album mit einem kapriziösen CD-Verpackungsdings-und-Songtexte-Bastelsheet für so analoge Menschen wie mich oder Tobias hier oben, die sich an einem Regal mit Tonträgern in hübsch gestalteten Verpackungen erfreuen?

    Herzlichst!

    (PS: CDs gelten offensichtlich als digital, aber für Vinyl-Liebhaber*innen gilt das ja mit dem Bastelsheet genauso, die brauchen wohl nur mehr Material)

  • #19

    Thore (Freitag, 15 Juni 2018 12:53)

    Hey Hannes,
    krasse Aktion. Werde versuchen Dich zu unterstützen!

  • #20

    Jan (Dienstag, 19 Juni 2018 11:49)

    Hey Hannes,

    wow, Respekt für diese Entscheidung.
    Wäre nicht Patreon was für Dich? Oder ist das noch zu viel Industrie dabei?

    Liebe Grüße
    Jan

  • #21

    Björn (Dienstag, 19 Juni 2018 21:44)

    Hej Hannes. Ich finde deine Entscheidung richtig und vor Allem sehr mutig. Viel Erfolg dabei. Aber denke vielleicht nochmal darüber nach, mit welcher Bank du Geschäfte machst. Ich hätte da eine kleine nette Bank aus Bochum zu empfehlen. Nennt sich GLS und spekuliert nicht mit Lebensmitteln oder profitiert von Waffenverkäufen in den nahen Osten.

  • #22

    Hannes (Dienstag, 19 Juni 2018 21:51)

    hallo auch,

    danke wieder für die vielen netten kommentare!

    @björn
    steht tatsächlich schon auf meiner to do liste ;)

    @jan
    patreon ist halt eine "künstler-im-abo"-geschichte mit exklusiven inhalten. hab ich drüber nachgedacht, schien mir aber nicht so ganz das richtige für mich zu sein.

    @cd-fragen
    eine gepresste cd wird es ziemlich sicher nicht geben. wir überlegen aber ob wir was zum-in-der-hand-halten und schön finden basteln.

    feinen abend in die runde

    hannes

  • #23

    Volker Halfmann (Samstag, 30 Juni 2018 08:51)

    Hut ab!
    Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.

  • #24

    Isabel (Samstag, 30 Juni 2018 14:53)

    Tränen in meinem Augen und so stolz einen der besten Menschen dieses Universums seit nunmehr 5 Jahren zu unterstützen. Jetzt auch auf neuen Wegen. Mach immer weiter so! ♡

  • #25

    Melli (Freitag, 20 Juli 2018 09:58)

    Lieber Hannes,

    ich finde deine Idee toll. Mein Freund und ich lieben deine tolle Musik. Wir sind im Mai Eltern geworden und singen (meist mehr schlecht als recht) unserer Kleinen deine Lieder vor - und auch sie scheint schon ein Fan zu sein! :)
    Weiter so. Wir unterstützen dein Vorhaben und freuen uns auf das nächste Konzert in München oder Umgebung.
    Viele Grüße,
    Melli, Niels und Carlotta

  • #26

    Simon (Mittwoch, 01 August 2018 00:54)

    Bin such mal gespannt, wie viel Freiwilligkeit und wie viel Angestupse zum Bezahlen nötig ist, damit genug einnahmen zusammen kommen, um davon zu leben.
    Hab was von dir auf bandcamp gekauft, da gehen wohl 10% an die Seite. Nicht soo unakzeptabel, finde ich, aber eine Non profit Genossenschaft oder eben eine eigene Homepage sind da natürlich noch weniger kommerziell..