Der blinde Fleck - Über den Versuch sich selbst zu verstehen

 

1. Methylphenidat

 
And if you ever catch the feeling
Keep it, lose it, miss it

 

Ich sitze auf einer Couch und schaue.
Wo mein Blick sonst meistens sprunghaft und suchend ist, streift er gerade langsam und passiv durch den Raum. Er tastet sich über den Tisch und die Dielen, vorbei am Regal bis hin zur Zimmerwand, die die Welt in Drinnen und Draußen unterteilt. Auch wenn das Fenster mir eine Ahnung davon gibt, was auf der anderen Seite passiert, fühle ich mich wohlig eingegrenzt. All das chaotische Draußen, das sonst durchgehend mit mir im Raum zu sein scheint und von mir beachtet werden möchte, lässt mich gerade in Frieden und ich bin irgendetwas zwischen überrascht und dankbar. So sitze ich noch eine ganze Weile, schaue und genieße eine innere Ruhe, die ich schon so oft händeringend gesucht habe und gleichzeitig so selten aushalten kann.

Es ist schon ein bisschen witzig, weil für mich eigentlich total untypisch, aber ich beginne auch die Fortsetzung meines letzten Essays (den man besser vor diesem hier lesen sollte) mit so etwas wie einer Drogen-Erfahrung.

Es ist Juli 2021 und ich befinde mich im Wohnzimmer von Anna, die keine fünf Meter entfernt von mir am Schreibtisch sitzt und konzentriert liest. Ich kenne das Zimmer gut, habe während des ersten Corona-Lockdowns sogar einige Wochen selbst in der Wohnung gelebt und sehe es doch mit neuen Augen. Aber warum bin ich überhaupt hier? Bei Anna wurde schon als Jugendliche in den 90ern ADHS diagnostiziert, das hat man damals aber mit einem recht rabiaten „das wächst sich schon raus“ abgetan und nicht weiter beachtet. Sie ist mit ihren einsachtzig dann zwar ziemlich groß geworden, aber ihr ADHS rausgewachsen hat es tatsächlich nicht und so wurde ihr vor ein paar Jahren im Erwachsenenalter zur Medikation Medikinet verschrieben (was im Prinzip das gleiche wie Ritalin ist). Anna und ich sind irgendwann neulich beim Teetrinken zufällig auf das Thema gekommen und sie hat mir erzählt, dass die Pillen seitdem in einer Schublade verbarrikadiert sind. Sie hatte Angst vor der Wirkung und dem was es mit ihr machen würde, wenn sich ihre Wahrnehmung „normalisiert“ und sie so ihr halbes Leben komplett in Frage gestellt sehen müsse. Aber irgendwie sei sie schon auch neugierig und möchte es irgendwann bei Gelegenheit mal ausprobieren. Weil mir vor geraumer Zeit ein weiterer betroffener Freund in einem Nebensatz erklärt hatte, dass er sich durchaus vorstellen könne, dass ADHS auch bei mir ein Thema sei und ich das irgendwann mal ab
klären sollte, hab ich Anna dann angeboten uns doch einfach zusammen auf ein Ritalin-Frühstück bei ihr zu treffen und die Dinger gemeinsam zu nehmen. Dazu muss man wissen, dass der Wirkstoff Methylphenidat bei „normalen“, also neurotypischen, Menschen aufputschend und euphorisierend wirkt, während er Leute, die sich auf der ADHS-Skala bewegen, eher runterholt und dafür sorgt, dass sie nicht mehr durchgehend von so einer überfordernden Anzahl an Reizen torpediert werden. Ich sah die ganze Sache also vor allem als eine einfache Möglichkeit, das mit diesem ADHS mal abzuhaken, ohne mich groß damit beschäftigen zu müssen. Und ein kleines bisschen neugierig auf die Wirkung vom sagenumwobenen Ritalin war ich natürlich auch.

So saßen wir dann also am Frühstückstisch bei Brötchen, Tee und Pillen, ein bisschen aufgeregt quatschig, nahmen beide eine eher kleine Dosis und sangen dazu Methylphenidat auf die Melodie von „Feliz Navidad“. Danach sind wir ins Wohnzimmer umgezogen und ich hab relativ schnell festgestellt, dass das Medikament bei mir exakt die gleiche Wirkung hat wie bei Anna.

Das war der Moment, in dem mir bewusst wurde, dass ich wohl ADHS habe.

Es ist ein angenehm beruhigendes Gefühl, als hätte jemand den Radiosender richtig eingestellt, ohne dass mir vorher das durchgehende Grundrauschen überhaupt bewusst gewesen wäre, einfach weil ich es gar nicht anders kenne. Ich fühle mich auch ein bisschen an meine erste Brille erinnert: „Krass, so sieht die Welt also für alle anderen Menschen aus.“ Gleichzeitig stellen Anna (sie ist wie ich Musikerin) und ich fest, dass wir uns jetzt nicht unbedingt danach fühlen, kreativ an einem Song zu arbeiten. Am eindrücklichsten ist für mich an diesem Tag aber der Moment, in dem die Wirkung ein paar Stunden später auf dem Heimweg langsam anfängt nachzulassen und die Welt, das Draußen, geradezu übergriffig stechend in meinen Kopf zurückkehrt. Ein wahnsinnig unangenehmes Gefühl, das mir, in etwas abgeschwächter Form, aber tatsächlich nicht wirklich neu ist.

In diesem Moment dachte ich mir noch nicht viel dabei außer, „Naja is dann halt wohl so“. Ich konnte ja nicht ahnen, dass das, was ich da an diesem Tag über mein Gehirn gelernt habe, noch so viel Schmerzhaftes wie Befreiendes in mir auslösen und mich auf eine hochemotionale Reise zu mir selbst schicken würde.

 

 


2. Facetten

 

Ich glaub mich zu bewegen
Doch werd ich transportiert
Auf betonierten Wegen
Hab ich mich verirrt

 

Die Nummer mit dem Selbstversuch war im Nachhinein betrachtet wahrscheinlich ein bisschen naiv. Gerade bei einer „Störung“, die selbst von den Betroffenen sehr unterschiedlich wahrgenommen wird und deren einzelne Symptome in abgemilderter Form auch bei den meisten neurotypischen Menschen zu finden sind, ist das mit der Selbstdiagnose eine heikle Sache. Mein Ansatz ähnelte da eher einem „Joa, ich glaub ich bin laktoseintolerant und lass mal eben für zwei Wochen die Milch weg.“ Jedenfalls beschloss ich erstmal, mir keine größeren Gedanken über meine neu entdeckte kognitive Verfasstheit zu machen und hatte auch nicht vor, mich offiziell diagnostizieren zu lassen. Ich nahm nur einmal zu einem späteren Zeitpunkt nochmal alleine die gleiche Dosis Methylphenidat, um sicher zu gehen. Der Effekt war der gleiche. Ein für mich zu diesem Zeitpunkt fast beängstigend angenehmer Schleier der Ruhe, der sich sanft über mich legte, gefolgt von einer schlaflosen Nacht, weil ich das Medikament zu spät am Tag genommen hatte. Die Wirkung ließ also genau zur Schlafenszeit nach und ließ mein Gehirn verzweifelt auf Reizsuche gehen. Aber vielleicht sollte ich an dieser Stelle erstmal kurz erklären was ADHS physiologisch überhaupt bedeutet.

Ganz grob vereinfacht herrscht in Teilen meines Gehirns quasi durchgehend ein Mangel am Neurotransmitter Dopamin. Dieser flutet bei der Impulsübertragung zwischen zwei Zellen den sogenannten synaptischen Spalt, wird aber bei Betroffenen, nach einer prominenten Theorie der ADHS-Forschung, von körpereigenen „Staubsaugern“ viel zu schnell wieder eingesaugt, noch bevor er an den Rezeptoren der nächsten Zelle andocken kann. Das bedeutet, dass Impulse zwischen Nervenzellen nur zu schwach oder gar nicht übertragen werden. Ein ADHS-Gehirn ist also chronisch unterstimuliert und oft reichen alltägliche Tätigkeiten einfach nicht aus, um es „bei der Stange zu halten“. Daher rühren auch die bei der Allgemeinheit wahrscheinlich am besten bekannten Symptome wie Sprunghaftigkeit und die großen Probleme, sich auf etwas zu fokussieren, das nicht spannend genug ist. Das Gehirn geht dann von ganz alleine kreuz und quer auf die Suche nach neuer Stimulation und die eigene Aufmerksamkeit kann nur sehr schwer reguliert werden. Zusätzlich wird ein Unterschied in der Relevanz der einzelnen Reize, zwischen Nichtigkeiten und wirklich wichtigen Dingen mit großen Folgen, kaum wahrgenommen. Ein ewiges Jonglieren. Ausnahme ist der sogenannte „Hyperfokus“, der auftreten kann, wenn etwas entweder
sehr dringend, neu und unbekannt oder von großem persönlichem Interesse ist. Dann können sich ADHS-Betroffene mit einer schier unglaublichen Ausdauer und Intensität auf eine einzelne Sache konzentrieren. Dummerweise ist das aber nicht steuerbar und kann sich von mehrwöchigem exzessiven Computerspielen über das halbe Lernen eines Instruments samt plötzlichen Interessenverlusts bis hin zum Schreiben eines Essays, den man eigentlich schon vor zwei Monaten anfangen wollte, auf wirklich alles richten (die Bespiele sind hier natürlich komplett willkürlich gewählt).

Als ich meinem Psychotherapeuten von meinem kleinen Selbstversuch erzählte, meinte dieser, dass das nach all dem, was er bisher über mich gelernt hat, viel Sinn ergebe. Mein enormer Drang nach Stimulation und meine Art zu abstrahieren seien jedenfalls ziemlich deutliche Anzeichen. Trotzdem sei er, sofern der Leidensdruck nicht allzu hoch ist, kein großer Fan der Diagnose ADHS und dem direkten Einstellen auf Medikamente, weil es ja erstmal nur bedeute, dass man kognitiv anders gestrickt ist. Und diese Andersartigkeit wirke sich eben auch auf Eigenschaften wie Kreativität, Humor und Begeisterungsfähigkeit aus, die bei mir auch einen großen Teil meines Charakters ausmachten. Außerdem handle es sich dabei ja nicht um eine Sache, die man entweder hat oder nicht hat, sondern um ein Spektrum, auf dem man sich irgendwo verorten kann und so die verschiedenen Symptome unterschiedlich stark wahrnimmt. Das spielte natürlich auch meiner „Naja is dann halt wohl so“
-Einstellung in die Karten. Es besteht immer die Gefahr, sich über seine eigenen psychischen Probleme oder großen Lebensthemen zu definieren und fortan alles nur noch aus diesem Blickwinkel zu betrachten. Das wollte ich tunlichst vermeiden. Aber als ich dann anfing ein bisschen zu ADHS im Erwachsenenalter zu recherchieren, wurde mir relativ schnell bewusst, dass mir das (zumindest vorerst) nicht so leicht fallen wird. Nach den ersten beiden Symptomen, in denen ich mich beängstigend genau wiedererkannte, fing ich eine Liste mit Stichpunkten an:

- Stetige innere Unruhe und der immerwährende Drang nach neuer Stimulation
CHECK

- Unordnung im Haushalt
O
kay, das sind jetzt halt die Klischees.
CHECK

- Wahrnehmung von Bedürfnissen (z.B. Toilette, Hunger) immer erst dann wenn es schon sehr dringend ist
Ach was, das auch?
CHECK

- Motivationsprobleme, extreme Neigung zu Prokrastination und alles immer auf den letzten Drücker erledigen
Oh ja!
CHECK

- Großer Drang nach direkter Belohnung und Schwierigkeiten weiter in die Zukunft zu planen
CHECK

- Oft unsteter Lebenslauf mit vielen Umzügen, Wechseln des Arbeitsplatzes und Neuanfängen
Hier wurde mir langsam ein bisschen mulmig. Ich bin in meinen Zwanzigern zehnmal umgezogen, hab zwischenzeitlich über ein Jahr ohne eigene Wohnung gelebt und die ewige Frage danach, warum ich niemals irgendwo wirklich „ankommen“ kann, machte mich schon so lange einfach nur müde.
CHECK

- Probleme, mit Autorität umzugehen und hohes (Un-)Gerechtigkeitsempfinden
Krass, schon wieder absolute Lebensthemen.
Check

- Gefühle als Knäuel wahrnehmen und nicht differenzieren können verbunden mit der Tendenz zu Somatisieren („Warum hab ich Bauchschmerzen?“ statt „Warum bin ich traurig?“) und Neigung zu Depressionen
Verdammt ...
check

Ein paar dutzend Punkte später, die ich allesamt still nickend in meine Liste aufnahm, klappte ich ungläubig den Laptop zu und musste erstmal tief durchatmen. So vieles machte auf einmal Sinn. Gleichzeitig schien sich ein großes Stück Boden unter meinen Füßen in Luft aufzulösen. Hilflos schaute ich meiner Identität dabei zu, wie sie mir langsam aber sicher aus den Fingern rann und davon trieb, während sich sämtliche Facetten und Bruchstellen meines eigentlich so reichhaltig geglaubten Charakters auf einmal als typische Themen für Menschen mit ADHS entpuppten. Es waren eben auch längst nicht alles negative Punkte, die ich da las. Da war die Rede von humorvollen, empathischen, intuitiv kreativen Weltverbesserern, die oft Literatinnen oder Künstler sind und ihr Herz auf der Zunge tragen.

So wurde aus dem „Naja, is dann halt wohl so“ innerhalb eines Nachmittags ein „Oh Gott, es ist schon immer so gewesen“.



3. Nachlese


Ich hab die Ruhe selbst gefunden
Meistens dann wenn nicht gesucht
Und wann immer sie nicht da war
Hab ich die Ruhe selbst verflucht
Ich hab die Ruhe selbst gefunden
Für einen kurzen Augenblick
Doch dann rannten mir die Füße
Davon
Die Ruhe blieb zurück

 
Diese Zeilen sind im Jahr 2013 entstanden und wirken im Nachhinein so als hätte ich damals intuitiv den chronischen Mangel an Dopamin in meinem Gehirn besungen. Hinweise hatte es rückblickend eigentlich genug gegeben. Ich musste an den kleinen Jungen denken, der bei seinen ersten Fußballspielen bei Spielunterbrechungen und Einwürfen immer auf der Stelle sprang, weil er kaum abwarten konnte, bis es endlich weiter ging. Känguru haben sie mich genannt. Ich konnte es nie aushalten, wenn andere Kinder ein neues Spielzeug in der Hand hielten, und hab es ihnen in der Folge nicht selten schier aus der Hand gerissen (okay, zugegebenermaßen hat sich das bis Heute kein Stück geändert). Sogar meine Seite in der ABI-Zeitung endet sinngemäß mit dem Satz: „Wir wünschen Hannes auf jeden Fall alles Gute für die Zukunft und immer einen ausreichenden Vorrat an Betablockern.“ Zur Erklärung: Das sind Beruhigungsmittel, die unter anderem bei Sportschütz*innen auf der Dopingliste stehen.

Wo ich mich in der Schulzeit noch immer vor allem mit viel Labern irgendwie durchwurschteln konnte und so ein durchschnittliches Abi schaffte ohne viel zu lernen (mit meiner Facharbeit hab ich damals eine Woche vor Abgabe angefangen, während andere schon Monate zuvor fertig waren), rasselte ich während meiner kurzen akademischen „Karriere“ als Sportstudent durch sämtliche schriftlichen Prüfungen. Einfach weil ich es nach dem Zivi und einem Jahr Praktikum in verschiedenen Kultureinrichtungen nicht mehr (oder noch weniger) ertragen konnte, Dinge zu lernen, die mich absolut nicht interessierten oder für meinen zukünftigen Lebensweg keinen Sinn zu ergeben schienen. Ich hab es wirklich versucht, aber mein Gehirn blockierte beim Lernen auf Statistik- oder Didaktik-Klausuren einfach komplett. Ich dachte dann immer, ich wäre einfach nur faul oder undiszipliniert und hab mich nicht selten selbst beschimpft, nachdem ich schon wieder einen ganzen Tag mit Computerspielen oder Seriengucken verprokrastiniert hatte.

Was aber noch viel wichtiger war: Auf einmal ergaben so viele zwischenmenschliche Spannungen und Verletzungen aus meiner Vergangenheit Sinn. Ich konnte mir Konflikte, die in meinen bisherigen Beziehungen immer wieder aufkamen, besser erklären und auch innerhalb meiner Familie hatte ich jetzt für einige Dynamiken, die sich über die Jahrzehnte eingespielt hatten, ein neues Verständnis. Das alles hier genauer auszuführen, würde selbst mir zu persönlich werden, aber im Großen und Ganzen kann man das Gefühl, das all diese Gedanken und Feststellungen in mir auslösten, mit einem Satz zusammenfassen:

Wenn ich das alles doch nur ein bisschen früher gewusst hätte, hätte ich meinem Umfeld und mir selbst so viel Stress, Ratlosigkeit und vor allem Schmerz ersparen können.

Dabei hatte ich alles in allem noch wahnsinnig viel Glück gehabt. Dass ADHS erst im Erwachsenenalter erkannt wird und wie sehr man darunter leidet, hängt vor allem mit den individuellen Ressourcen zusammen. Viele Betroffene bekommen ihre Andersartigkeit von klein auf gespiegelt, werden ausgegrenzt und wachsen so mit einem geringen Selbstvertrauen und dem ständigen Gefühl auf, irgendwie falsch zu sein und nicht richtig zu „funktionieren“. Ich selbst war zwar auch immer der „Freigeist“ und „Hallodri“, das hatte bei mir aber meistens eine positive Komponente. Zum einen hatte ich wirklich Glück mit meinen Genen, war immer der Beste in Sport, habe darüber viel Respekt abbekommen und gerade als Junge wurde da sicher auch gnädiger über meine nervige Impulshaftigkeit hinweggesehen. Vor allem aber habe ich in meinem Elternhaus immer gespürt, dass ich bedingungslos unterstützt und geliebt werde. Über Gefühle wurde zwar nicht wirklich gesprochen (was für die Kinder der Nachkriegsgeneration wohl auch keine Seltenheit ist), aber dieses bedingungslosen Rückhalts und seiner Selbstverständlichkeit konnte ich mir immer sicher sein. Ich glaube, das ist generell und völlig unabhängig von den sonstigen Voraussetzungen, die man mit sich bringt, die größte Bedingung dafür, wie aufgehoben man sich für den Rest des Lebens in der Welt fühlen wird.

Als ich dann, angekommen in der Erwachsenenwelt, drohte am Berufsleben zu scheitern, wie es bei so vielen Menschen mit ADHS der Fall ist, hat mir die Flucht in die Musik und die Tatsache, dass diese mich sogar relativ bald ernähren konnte, wirklich den Hintern gerettet. In einer Sparte, in der es kaum Hierarchien und Linearität gibt, während Kreativität, Spontanität und der Drang, ständig Neues auszuprobieren, gefragte Eigenschaften sind, wurde so aus meiner „Beeinträchtigung“ eine Superfähigkeit. Ich habe über mehr als ein Jahrzehnt wirklich nur gearbeitet, wenn ich mich für etwas interessierte – und dann in der Regel im Hyperfokus. Anders habe ich nie funktioniert. Teilweise habe ich mehr als ein Jahr kein Lied geschrieben, bis dann irgendwann meine Begeisterung ansprang und innerhalb weniger Wochen ein ganzes Album entstand.


Zum Neuordnen meiner Vergangenheit und dem tiefen Hinterfragen meines bisherigen Lebens gesellte sich so also auch eine gewisse Dankbarkeit, die ich auch jetzt noch beim Schreiben dieser Zeilen in mir spüre.



4. Eisberg


Doch ich weiß nur in der Tiefe
Geht man Dingen auf den Grund

Was war das nur für ein Jahr? Vor ein paar Monaten erst hatte ich mich nach einer depressiven Episode erstmals in therapeutische Behandlung begeben. Hatte überhaupt das Wort Depression zum ersten Mal in den Mund genommen, um den Löchern, in die ich alle paar Jahre stürze, einen Namen zu geben. Ich hatte zum ersten Mal in meinem Leben damit angefangen, mich wirklich mit mir selbst zu beschäftigen, und gerade, zum Sortieren, einen langen Essay über das Sich-Abarbeiten an gesellschaftlichen Strukturen, Depressionen und die Suche nach Verbundenheit geschrieben, in dem ich am Ende meinen Beruf, wie ich ihn bisher ausgeübt hatte, in Frage stellte. Jetzt kam auch noch dieses ADHS um die Ecke, brachte den nächsten Haufen großer Fragen und ließ mich noch ein ganzes Stück überforderter dastehen, als das eh schon der Fall war. Ich musste unbedingt raus, den Zirkus in meinem Kopf sortieren und irgendwo eine Wiese finden, auf der ich die einzelnen Bauteile ablegen und ohne den Krach der Welt in Ruhe betrachten und sortieren konnte. Also lief ich weg. Ich beschloss zu Fuß, zwischen Genf und den Pyrenäen, einmal quer durch Frankreich zu wandern, auf dem französischen Teil des Jakobswegs.

 

Wirkliche innere Ruhe über die kurzen Augenblicke hinaus hatte ich in meinem bisherigen Leben immer nur auf Reisen gefunden und so war es auch dieses Mal. Es tat gut, die Überforderung zu vergessen, und stattdessen alles zum Überleben notwendige in einem Rucksack durch eine herzzerreißend schöne Landschaft zu tragen. Eine einfache Aufgabe, Fuß vor Fuß setzen, essen, schlafen und alles hinter sich lassen, was sich im sperrigen Alltag so riesig darstellt, im Grunde aber doch eigentlich keine Rolle spielt. All das Suchende, was in mir seit Anfang des Jahres oder wahrscheinlich schon Jahre zuvor in Bewegung geraten war, hatte auf einmal den Raum, in mir zu arbeiten und endlich dort anzukommen, wo es hingehört.

Was dort nach ein paar Wochen im Aubrac-Mittelgebirge in tausend Metern Höhe passierte, wird mein Leben von nun an wohl in die Zeit „davor“ und die Zeit „danach“ unterteilen. Es war eine Zäsur, die sich für mich nur schwer in Worte fassen lässt. Auf dem Weg öffnete sich etwas Tiefes, Alteingerostetes in meinem Innenleben und ließ mich eine Emotionalität und Sensibilität in mir entdecken, die ich bisher immer nur erahnt hatte, meistens in meiner Musik. Auf einmal
hatte ich das Gefühl, dass all meine Lieder immer nur kleine Vehikel gewesen waren, die sich ihren Weg an die Oberfläche gebahnt hatten. Vorboten von all dem, was da, verdeckt von einer harten Kruste aus Impulsen und lange eingeübten Mustern, tief in meinem Inneren schlummerte. Ich lief, empfand, heulte, verstand und lernte.

Es sind vor allem tiefe emotionale Mühlen, die
da in Bewegung geraten waren. Wie tektonische Plattenverschiebungen, die in meinem Bauchraum lostraten, mein Innenleben neu zusammensetzten und den Rest meines Körpers zum Mitschwingen brachten. Wie gesagt ist es schwer, abseits von Metaphern, Worte dafür zu finden. Was ich aber sagen kann, ist, dass im Kern all dessen die Erkenntnis lag, wie sehr mein bisheriges Leben von Scham, Schuldgefühlen und der Angst, „nicht richtig zu sein“, geprägt war. Das mag sich aus dem Mund eines relativ erfolgreichen Songwriterschluffis wie mir wie der blanke Hohn lesen, aber ihr könnt euch nicht vorstellen, wie müde ich war, von den immerwährenden Umzügen, den Neuanfängen und dem niemals irgendwo wirklich Angekommen-sein. Ich trage seit jeher eine Spannung in meinem Bauchraum, die mir nur deshalb überhaupt aufgefallen ist, weil sie auf Reisen oder in den insgesamt anderthalb Jahren, in denen ich ohne eigene Wohnung lebte, auf einmal nachließ und mir ein Gefühl dafür gab, wie sich das „normalerweise“ anfühlen würde. Aber weil man ja irgendwo sein und seine sieben Sachen abstellen, einen Briefkasten mit seinem Namen für die Post haben muss, hab ich mich immer gefragt, was mit mir falsch ist. Bei meiner ewigen Suche bin ich irgendwann auf die Strukturen gestoßen und war damit wohl auf einer richtigen Fährte. Grob vereinfacht bin ich geboren mit einer kognitiven Verfassung, die 5% der Menschen betrifft, in eine Welt, die von den und für die anderen 95% gestaltet wurde. Ein Hallodri mit keinerlei Linearität in seinem Leben in einer Gesellschaft, die von Geradlinigkeit und Nachvollziehbarkeit besessen ist. Mit einem nichtvorhandenen Sicherheitsbedürfnis, das von den Wenigsten verstanden und von Vielen sogar als Bedrohung wahrgenommen wird. Das, was für andere Menschen Sicherheit bedeutet – ein fester Job, die Eigentumswohnung, Struktur und Routine – all das führt bei mir zu einer durchgehenden inneren Anspannung, weil mein Sicherheitsempfinden vor allem durch die Möglichkeit, mich zu verbinden, und die Aussicht auf immer neue Stimulation genährt wird. Wie oft hab ich die Reibung nicht wahrgenommen, aber als Spannung in mir gespürt. Wie oft hab ich mich geschämt für meine Bedürfnisse, mich nicht getraut sie zu formulieren, weil sie aus der „normalen“ Perspektive unreif, egozentrisch oder unverantwortlich schienen. Die Differenzierung war dabei nicht immer negativ, weil gerade als „Künstler“ ja andere Dinge erlaubt oder sogar gefordert sind. Nicht selten haben Menschen an mich herangetragen, wie inspirierend sie es finden, wie konsequent ich meinen Weg gehe und dass sie das selbst so nicht könnten. Ein lieb gemeinter Ausdruck der Bewunderung, den ich selbst nie so empfunden habe, weil er mir erstens wieder eine „Andersartigkeit“ bescheinigte, wo ich doch eigentlich nach Verbindung suchte, und ich zweitens gefühlt einfach keine andere Wahl hatte. Mein innerer Drang, einen Mangel an Stimulation und sämtliche Strukturen, mit denen ich nichts anfangen kann, zu vermeiden, war so groß, dass mir keine andere Möglichkeit blieb, als weiter zu ziehen und mich immer wieder neu zu erfinden.

Unter ADHS-Betroffenen wird diese Wahrnehmung einer Gesellschaft, die ganz selbstverständlich in einem Modus zu laufen scheint, den man selbst nie wirklich greifen oder nachvollziehen kann, scherzhaft als „Wrong Planet Syndrome“ bezeichnet. Es ist eine heilsame Wendung, weil es endlich nicht mehr man selbst ist, der nicht ganz richtig ist. Man ist nur ein müder Astronaut auf dem falschen Planeten.


5. Bullshit


Halt einen Augenblick ein
Bevor ich ganz verschwinde
Und erklär mir irgendwer all das Zeug
Mit dem ich nichts verbinde

 

In mir kam die Frage auf, ob damit mein politischer Aktionismus, die Kapitalismuskritik und all die Blogeinträge und Podcasts der letzten Jahre nicht auf einen Schlag komplett hinfällig waren. War meine immer wiederkehrende Depression, die ich unter einer Decke mit der gesellschaftlichen Depression gesehen hatte, am Ende nur meiner kognitiven „Andersartigkeit“ geschuldet? Musste ich mich revidieren? Wie sollte ich das bitte all den Leuten erklären? Aber nachdem ich meinen letzten Essay und damit die letzten Jahre meines Lebens nochmal durchgegangen war, hatte ich eher das Gefühl, dass nun alles sogar noch ein bisschen mehr Sinn ergab und verstand, warum viele Sachen, die uns alle betreffen, mir persönlich so extrem unter den Nägeln brennen.

Eine weit verbreitete Eigenschaft unter ADHS-Betroffenen ist die Fähigkeit „Out of the Box“ zu denken. Nervig oft wird sie in Coaching-Videos von irgendwelchen hyperaktiven Startupgurus als Wunderwaffe hochgehalten, die ihnen dabei geholfen hat „ihr volles Potential zu erreichen“. Aber der beliebte Satz „We don't only think outside the box, most of the time we're not even aware that there is a box.“ hat mich zum Nachdenken gebracht. Weil „wir“ damit recht haben. Die Box gibt es nicht wirklich. All die gesellschaftlichen Konstrukte und kulturellen Normen die ADHS-Betroffene in ihrer Impulshaftigkeit oft nicht wahrnehmen oder verstehen und manchmal, ob bewusst oder unbewusst, schlichtweg ignorieren, sind frei erfunden. Das soll nicht heißen, dass sie keine reale Auswirkung auf unser aller Leben haben oder grundsätzlich keinen Sinn machen. Ich hab schon in meinem letzten Essay darüber geschrieben, dass genau solche „Geschichten“ große Gruppen von Menschen sortieren und ihnen überhaupt die Möglichkeit geben, im großen Stil miteinander zu kooperieren. Aber es stellt sich schon auch die Frage, ab wann aus einer Geschichte eine Lüge wird. Die 40-Stunden-Woche, private Altersvorsorge, Steuererklärungen, Hierarchien und die gute alte Karriereleiter – alles Dinge mit denen Menschen mit ADHS überdurchschnittlich oft Probleme haben, zu denen sie keinen wirklichen Bezug herstellen können, sind im Grunde erstunken und erlogen. Zu Teilen könnte man das, was aus der Sicht der neurotypischen Bevölkerung wahlweise als Fahrlässigkeit oder Hedonismus abgestempelt werden würde, also auch als einen ziemlich effektiven Bullshitdetektor bezeichnen. Zumindest nehme ich das so wahr. Weil mir meine Bedürfnisse so klare Impulse geben, dass ich nicht selten die Strukturen die ihnen im Weg stehen darüber einfach vergesse.

Ich möchte hier auf gar keinen Fall eine kognitive Voraussetzung, unter der viele Menschen enorm leiden, sie als Krankheit wahrnehmen und medikamentös behande
ln, einfach überhöhen und als eigentlich vorteilhaft darstellen. Ich bin aber überzeugt davon, dass die Gründe, warum die Impulse, Bedürfnisse und Emotionen von ADHS-Betroffenen für so viel Reibung sorgen, vor allem mit der Verfasstheit unserer Gesellschaft zusammenhängen. Wäre die Quote von 95% zu 5% genau umgekehrt, würde man Kinder und Erwachsene, die nicht so gut in abstraktem denken sind, allzu sehr nach Linearität streben oder sich nur mittelmäßig bis gar nicht künstlerisch ausdrücken können, wohl genau so skeptisch betrachten. Vielleicht würde man ihnen anstelle von Ritalin medizinisches LSD verschreiben.


6. Feuer

 

Bitte lass mir meine Ängste
Ich hab Angst sie zu verlier'n

 
Mitte 2020 hab ich nach einem Auftritt in einer Kabarett-Sendung einen Blogartikel darüber geschrieben, dass man sich, um Dinge wie Nationalismus und Verschwörungsdenken besser verstehen zu können, ansehen müsse, welche Bedürfnisse diese in uns Menschen befriedigen.
Dass man sich, statt bloß zu verurteilen, die Frage stellen sollte, warum Verschwörungserzählungen und rechtes Gedankengut für so erschreckend große Teile der Bevölkerung überhaupt attraktiv sind, und dann mit einem besseren Verständnis versuchen könne, Alternativen anzubieten. Im Text hab ich mich darüber beschwert, dass „biologisch in uns angelegte Impulse und Reaktionen auf unsere Umwelt im politischen Diskurs oft zu kurz kommen und wir uns eine Rationalität überstülpen, die in der Form einfach nicht gegeben ist.“

Das würde ich so auch immer noch unterschreiben, aber es ist schon irgendwas zwischen bemerkenswert und witzig, dass ich das so formuliert habe, ohne mich jemals selbst mit meinen eigenen Impulsen und Emotionen auseinandergesetzt zu haben. Es zeigt jedenfalls ganz gut, was für einen verkopften Ansatz ich im Umgang mit Gefühlen hatte. Um ehrlich zu sein bin ich ziemlich entsetzt darüber, dass ich es geschafft habe, 35 Jahre meines Lebens ohne wirklichen Zugang zu einem Teil von mir zu verbringen, der gleichzeitig seit jeher so riesige Auswirkungen auf mich hatte. Dass ich mindestens 15 Jahre lang meine eigenen Depressionen nicht verstanden und mehr oder weniger zufällig gelernt habe, warum mein eigentlich privilegiertes Leben so sehr von Spannung und Reibung geprägt ist. Ein riesiger blinder Fleck, in dem aber doch mein komplettes Befinden und meine Wahrnehmung der Welt ihren Ursprung haben.


Das Bedenkliche daran ist, dass ich damit bei Weitem nicht alleine bin.

 

Vielleicht hat das auch mit dem Alter zu tun, aber in meinem Umfeld gibt es viele Menschen, die sich ähnliche Fragen stellen, einmal zu oft gegen die gleiche Wand geknallt sind und sich zum ersten Mal trauen, Hilfe zu suchen, vorausgesetzt sie finden einen Therapieplatz. Als ich mich bei meinem Therapeuten fragte, warum ich für all diese Erkenntnisse so dermaßen lange gebraucht habe, meinte dieser nur, dass ich noch froh sein könne, wo doch die Mehrzahl der Menschen ihr ganzes Leben verbringe, ohne jemals diesen Zugang zur eigenen Emotionalität zu finden. Teilweise sitzen sie seit Jahren Woche für Woche bei ihm in der Praxis, vom Erlebten und Erlernten so verschlossen, dass auch er ihnen nur bedingt helfen könne. Ich stelle mir die Frage, warum psychologische Betreuung im 21. Jahrhundert noch immer wie die Feuerwehr funktioniert. Sie rückt erst an, wenn es schon brennt und der Schaden längst angerichtet ist. Gleichzeitig habe ich in der Schule nie gelernt, über Feuer zu sprechen. Ich hatte zwei Skikurse und weiß noch heute was ein „endoplasmatisches Retikulum“ ist, während mir so etwas wie eine Woche „Psychohygiene“ oder ein Fach wie Gefühlskunde (und ich sag hier bewusst nicht Psychologie) doch so viel mehr hätten helfen können. Einfach um zumindest mal ein Vokabular zu entwickeln oder Fragen schon mal gehört zu haben und mit auf den Weg zu bekommen, die später im Leben nochmal eine Rolle spielen könnten. Natürlich könnte man jetzt anmerken, dass das doch eigentlich Aufgabe der Eltern sei, aber wie sollen die lehren, was sie selbst nie gelernt haben.


7. Applaus

 

Wir sind Projektoren
Und Leinwand zugleich


Ich hab mich auf dieser Seite immer wieder über unsere überrational tickende, technokratische Gesellschaft und ihre Auswirkungen ausgelassen, ohne selbst wirklich zu wissen (oder besser gesagt zu fühlen), wovon ich da eigentlich genau rede. Wahrscheinlich weil ich nur einer Ahnung des blinden Flecks, meinem eigenen latenten Unwohlsein und irgendwelchen statistischen Zahlen zu Einsamkeit, Depression und Entfremdung gefolgt bin. Vor gut zwei Jahrzehnten hatte ich als Jugendlicher damit angefangen, diese Ahnungen und das Unwohlsein in Musik zu übersetzen und ein paar Jahre später hab ich genau diese Übersetzungen zu meinem Beruf gemacht.

Wenn ich heute auf meine „Karriere“ zurückblicke, merke ich, wie sich irgendwo in mir auch ein gewisser Schmerz und eine tiefe Enttäuschung breit machen. Erstmal nur in einem kleinen Winkel, weil ich insgesamt sehr dankbar für das Erlebte bin, und ich weiß, dass mich das alles auch an den Ort geführt hat, an dem ich heute bin. Ich war ja auch in einem Bereich unterwegs, der den Ruf hat, offener für Emotionalität zu sein als der Rest der harten „echten“ Welt, und mir wurde so oft mitgeteilt, wie froh ich doch sein könne, meine Lieder als Ventil zu haben. Ich befand mich als „Künstler“ über zehn Jahre lang quasi im Epizentrum dieses „offenen“ Raums
und doch hab ich mich dort vor allem sehr viel (teilweise selbstmitleidig) im Kreis gedreht. Mich endlich besser verstehen und die Spannungen lösen konnte ich erst, nachdem ich den Raum immer mehr in Frage gestellt und schlussendlich hinter mir gelassen hatte.

Gegen die Zuschreibung „Künstler“ hab ich mich intuitiv schon immer gewehrt, habe von mir selbst meistens als „Songwriterschluffi“ gesprochen, weil ich das Podest und diese künstliche Trennung nicht haben wollte. Am Ende bin ich genauso planlos und trage meine Päckchen wie alle anderen Menschen auch, nicht mehr und nicht weniger. Ich habe einfach nur mehr Zeit und irgendwie wohl auch die Aufgabe, mich mit ihnen zu befassen. Es ist schon tragisch, dass es auch heute noch den Idealtypus des leidenden Künstlers bzw. der leidenden Künstlerin gibt und wie sehr in diesem Bereich psychische Erkrankungen romantisiert werden. Ich denke an Leute wie Kurt Cobain, Robin Williams, Elliot Smith, Amy Winehouse oder aktuell Bo Burnham (man kann die Liste unendlich weiter führen), repräsentativ für alle Menschen, die sich von ihren inneren Kämpfen ins Rampenlicht haben treiben lassen. Ich bekomme das Bild nicht aus dem Kopf, wie jemand auf der Bühne steht und „Hilfe!“ ins begeisterte Publikum singt, worauf dieses mit euphorischem Applaus und einem „Ja, genau! Hilfe! Weiter so!“ antwortet. Und ich frage mich wie viele von ihnen da oben letztendlich Produkt einer Gesellschaft sind, die von Kontrolle (oder besser der Illusion von Kontrolle) besessen ist und dadurch per se unsere ursprünglichste und unkontrollierbare Seite, tiefe Gefühle, am liebsten komplett ausblenden oder mindestens verwerten möchte. Mir ist bewusst, dass mich die Verletztheit und Enttäuschung gegenüber meinem Beruf aufgrund meiner Erlebnisse im letzten Jahr vielleicht zu streng urteilen lassen, aber für den Moment muss ich feststellen: Ich hab wirklich keine große Lust, „Künstler“ zu sein. Vor allem nicht in dieser idealisierten, seltsam überhöhten Form.

 

 

8. Nomaden

 

Ich hab die Ruhe selbst gefunden
Auf Reisen, irgendwann


Gerade bin ich jedenfalls weit davon entfernt, mich vor irgendein Publikum zu stellen. Sowohl gedanklich als auch räumlich. Ich schreibe diese Zeilen in einem Café in Frankreich sitzend bei Tee und Wintersonne. Nach meiner inneren Reise auf dem Jakobsweg hatte ich große Angst direkt nach Deutschland zurückzukehren, dort wieder in alte Muster zurückzufallen und meine neugefundene emotionale Offenheit genauso schnell wieder zu verlieren, wie sie gekommen war. Ich wollte dem kleinen Pflänzchen, das sich da ans Licht getraut hatte, die Zeit und den Raum geben, um Wurzeln zu schlagen, und habe beides in einem kleinen spärlich möblierten WG-Zimmer in Lyon gefunden. Es tut mir gut, in einem anderen Land zu leben, in einer anderen Sprache zu sprechen und wenig Krams und Besitz um mich herum zu haben, an dem sich mein Kopf aufhängen kann. Die richtige Mischung aus genügend Stimulation und wenig Getriebenheit. Als ich meinem guten Freund Finn mal von meiner Erkenntnis erzählte, dass ich eigentlich nur auf langen Reisen so richtig zur Ruhe komme und ich mich seit jeher frage, wie ich diesen Frieden im Alltag finden kann, meinte dieser, dass es sich nach dem Bedürfnis anhört, „Welt in sich hinein fließen zu lassen“ und er hat damit berührend treffende Worte gefunden.

Als ich im Spätherbst im Zug nach Hause saß, um dort ein paar Klamotten abzuholen und meine Liebsten mal wieder zu sehen, war da neben der Angst vor einem „Rückfall“ auch dieses wunderbare Gefühl der inneren Ruhe. Aus einer Ahnung heraus hab ich einfach mal die Begriffe „ADHS“ und „Nomaden“ zusammen gegoogelt und bin tatsächlich relativ schnell fündig geworden. In einer 2008 erschienen Studie hat der Anthropologe Dan Eisenberg das kenianische Volk der Ariaal, von denen ein Teil sesshaft ist, während ein anderer noch nomadisch lebt, auf eine bestimmte Genvariante untersucht, die für das Entstehen von ADHS mitverantwortlich ist. Tatsächlich waren unter den nomadisch lebenden Menschen, jene, die das Gen in sich trugen gesünder, im Sinne von größer gewachsen und wohlgenährter, als der Durchschnitt. Bei den Teilnehmern der Studie, die das nomadische Leben hinter sich gelassen hatten, verhielt es sich dagegen genau umgekehrt und die Stammesmitglieder mit der entsprechenden Genvariante waren weniger gut genährt als ihre Brüder und Schwestern. Ich musste ein bisschen lachen, während sich ein weiteres Lebensthema auf einmal, wenigstens scheinbar, in ein paar einfachen Sätzen erklären ließ. Jedenfalls stützt das Ganze mein Gefühl, dass es die Strukturen sind, die die „Krankheit“ machen, und nicht das was in meinem Inneren passiert. Zu Hause angekommen hab ich mich dann eher wie ein Gast gefühlt. Herzlich aufgenommen und in enger Verbindung, aber auf der Durchreise … Ich hab mich selten so wohl gefühlt in den „eigenen vier Wänden“. Seitdem pendle ich nun alle paar Wochen zwischen Würzburg und Lyon hin und her, gaukle meinem Nomadengehirn vor, chronisch unterwegs zu sein, und es „funktioniert“ tatsächlich. Der Zugang zu meiner Emotionalität ist nicht verschwunden, die sonst immerwährende Spannung in meinem Bauch kommt nur punktuell zum Vorschein, und wenn es doch passiert, weiß ich (oder besser spüre ich) relativ schnell, woran das liegt. Es hat immer zwischenmenschliche Gründe, die sich bisher glücklicherweise schnell wieder lösen lassen, indem ich offen kommuniziere und/oder Grenzen setze (letzteres ist ein komplett neues Konzept für mich). So geht es mir aktuell wirklich so gut wie seit Langem nicht mehr und ich lerne von Woche zu Woche neue Dinge über mich. Zum Beispiel bin ich mir ziemlich sicher, dass ich deshalb immer so erstaunlich gut mit Logistik-Krams auf Tour und Bürokratieangelegenheiten wie Steuer und dem generellen „mein Leben auf die Reihe kriegen“ zurecht kam, weil ich in meinem Alltag einen durchgehenden Zustand von Dringlichkeit kultiviert habe. Die Folgen waren eine ständige Anspannung und ein Umfeld, das ich damit immer wieder in den Wahnsinn trieb. Meine starke Tendenz, negative Emotionen zu somatisieren und wahlweise Tinnitus, Sehnenscheidenentzündung oder vor allem Magenschmerzen aus ihnen zu machen, ist ein Kanal, der auch in die andere Richtung funktioniert. Körperliche Impulse wie Bewegung und Berührungen haben einen erheblichen Einfluss darauf, wie gut es mir geht oder ob ich zur Ruhe kommen kann. Außerdem hab ich verstanden, dass es einen guten Grund gibt, warum ich Dingen wie z.B. dem YouTube-Algorithmus so dermaßen hilflos ausgeliefert bin. Weil so vieles im Internet eben vor allem auf das menschliche Belohnungssystem, Dopamin, abzielt und damit meine größte Schwäche gnadenlos ausnutzt.

Zwar versuche ich nach wie vor, mich nicht allzu sehr unter der ADHS-Brille zu betrachten, aber Momente wie der im Zug bieten mir Deutungsmöglichkeiten, lassen mich besser verstehen und helfen mir letztendlich dabei, schwierige Situationen und vor allem mich selbst akzeptieren zu können. Ich bin ja nicht mal offiziell diagnostiziert, weiß aber auch nicht, ob das überhaupt eine Rolle spielt. Auf jeden Fall hab ich einen Anlass gefunden, mich zum ersten Mal in meinem Leben WIRKLICH selbst zu betrachten. Mein großes Glück oder besser Privileg ist, dass ich dafür überhaupt den Raum und vor allem die Zeit habe. Mir ist bewusst, dass nicht jede*r mit den zeitlichen Kapazitäten und finanziellen Mittel gesegnet ist, sich einfach mal für ein halbes Jahr abseilen zu können, sich um sich selbst zu kümmern und in aller Ruhe mit den eigenen Bedürfnissen, Wunden und Emotionen zu befassen.

Ich weiß auch nicht, ob dieser Grad an Reflektiertheit für alle Menschen das Richtige ist oder ob manch eine*r nicht sogar glücklicher ist wenn er*sie relativ unbewusst in einer Struktur stecken kann. Vor allem weil ich glaube, dass man in der Tiefe früher oder später unweigerlich auf Themen wie die existenzielle Einsamkeit, die eigene Sterblichkeit und die Erkenntnis, im Großen und Ganzen keinerlei Kontrolle über das eigene Schicksal zu haben, trifft (alles Dinge, die vielen Menschen unfreiwilligerweise während der Pandemie erstmals schmerzlich bewusst wurden). Und wenn ich in den letzten Monaten etwas gelernt habe, dann, dass mein Gehirn wohltuende Offenheit und eine Fülle an Möglichkeiten sich zu verbinden sieht, wo andere Angst vor Chaos, Haltlosigkeit und Isolation verspüren. Alles eine Frage der Perspektive. Ich möchte mich sicher nicht weit aus dem Fenster lehnen und behaupten, dass die eine legitimer wäre als die andere. Ich glaube nur verstanden zu haben, dass meine Perspektive weit weniger auf ausgedachte Strukturen angewiesen ist, um sich in der Welt aufgehoben zu fühlen. Und ich befürchte, dass diese Strukturen mich noch mein Leben lang verfolgen und vor Probleme stellen werden. Der aktuelle Zustand fühlt sich dabei eher wie eine abgekoppelte Zwischenwelt an, die sich nicht ewig aufrecht erhalten lassen wird. Ein kleiner richtiger Planet im falschen. Gleichzeitig ist offensichtlich, dass die aktuelle Gestaltung unserer Gesellschaft, unsere Kultur und unsere Art, Probleme anzugehen uns mittelfristig allesamt an die psychischen und planetaren Belastungsgrenzen bringen wird. Wie gesagt hab ich dafür auch keine superkluge Lösung, klar ist mir nur, dass es so nicht weiter gehen kann und dass es wahrscheinlich von Vorteil wäre, sich selbst gut genug zu kennen, ehe man in Aktion tritt und mit gut gemeinten Vorsätzen gradlinig vom Regen in die Traufe stolpert. Letztendlich kann man sagen, dass uns René Descartes mit seinem prägenden „Ich denke also bin ich.“ einen ganz schönen Floh ins Ohr gesetzt hat. Den eigenen Verstand allem anderen überzuordnen ist eine ziemlich bescheuerte Idee, der auch ich viel zu lange aufgesessen bin. Gleichzeitig kann ich ihren Erfolg verstehen, weil sie unserem Ego schmeichelt und genau diese Illusion von Kontrolle vermittelt, die irgendetwas sehr tiefsitzendes in uns anzusprechen scheint.

Da haben wir's:
Ich hab so etwas wie ein vorübergehendes Happy End für den Protagonisten dieses Blogs und zumindest eine Teilantwort auf die Fragen gefunden, die mir durch den Kopf geschossen sind, als ich diese Seite hier ins Leben gerufen habe. Ich habe einen Zugang zu meinen Emotionen entdeckt, ohne vorher ein Lied darüber schreiben zu müssen und gleichzeitig über die Jahre nachvollziehen und verstehen können, dass der Kapitalismus nicht die Ursache allen Übels ist, sondern nur eine von vielen möglichen schlechten Antworten auf unsere tiefsten Emotionen, Ängste und Bedürfnisse. Zwei Fliegen mit einer Klappe.


Den letzten Text habe ich mit einer art „Mike-Drop“ beendet. Dieses Mal möchte ich das symbolische Mikrofon gerne weiter reichen. Vielleicht auch an Menschen, die so ein Ding niemals von alleine selbst in die Hand nehmen würden. Vieles von dem, was ihr hier gelesen habt, hab ich mir nämlich nicht selbst erschlossen, sondern über viele Jahre hinweg von meiner wunderbaren Frau Clara gelernt. Indem sie mir eine Tiefe und eine Bereitschaft vorgelebt hat, sich selbst und alle anderen Menschen, samt ihrer Komplexitäten und Päckchen anzuschauen, die ihresgleichen sucht. Eine Perspektive, die ich lange nicht einnehmen konnte, weil ich immer zu sehr in meinem Kopf und mit dem Blick auf das gesellschaftliche große Ganze feststeckte. Große Teile des Vokabulars, das mir auf meinem Weg geholfen hat, mich selbst und ein bisschen mehr von der Welt zu verstehen, hat Clara mir beigebracht. Gleichzeitig würde sie ihre wunderbare Sensibilität und emotionale Klugheit selbst niemals so an die große Glocke hängen, wie ich es gerade tue. Es hätte sich, aber gerade bei diesem Text, einfach falsch angefühlt, sie nicht zu erwähnen. Das vielleicht als kleine Erinnerung daran, dass auf diesem Planeten niemals jemand irgendetwas für sich alleine erreicht hat. Und dass wir so viel lernen können, wenn wir nicht nur den sendungsbedürftigen Menschen, die uns alltäglich in ihren Twitter-Accounts, Youtube-Channels und Blogs vor der Nase herum tanzen Raum geben, sondern auch den stillen, bedachten und schweigsam Beobachtenden unter uns zuhören. Vielleicht wäre das ein Anfang, auf den sich aufbauen ließe.

Ich Danke euch für eure Zeit!

Euer


Hannes


P.S. Ich hab nach wie vor keine konkreten Pläne, wie es bei mir weiter geht. Für den Augenblick ist das hier wohl mein Beruf und wenn du magst und dir der Text gefallen hat, kannst du mich wie immer HIER mit einem Betrag unterstützen. Ich hab mich auch sehr über die zahlreichen Kommentare und Nachrichten zu meinem letzten Essay gefreut. Mein Postfach steht offen und ich lese alles, antworte aber nach wie vor nur selten. Dankeschön!

P.P.S. Vielen lieben Dank auch an Anna, Ally, Daniel, Peter, Livia, Finn, Nicole, Posty und Clara fürs Probelesen und den Input!

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Kommentare: 4
  • #1

    Franziska (Sonntag, 13 März 2022 18:54)

    Wie gut, dass es die wunderbaren Finns und Claras auf dieser Welt gibt!

  • #2

    Samuel Breuer (Montag, 14 März 2022 08:57)

    Lieber Hannes,

    danke für all deine Worte und Gedanken. Ich bin während des Lesens innerlich so ruhig geworden wie seit langer Zeit nicht mehr. Ich kann mich in allem was du schreibst wiederfinden und habe nun eine Richtung für meine Gedanken und Zukunft.

    Danke!

    Samuel

  • #3

    Natalie (Montag, 14 März 2022 09:01)

    Lieber Hannes,

    ich find's sehr schön deinen Text zu lesen und freue mich total für dich, dass du einen weiteren Zugang zu dir selbst gefunden hast und dabei bist Möglichkeiten zu finden, zufriedener dein Leben zu bestreiten. Toll, dass du uns so offen und ehrlich daran teilhaben lässt. Ich hab so massiv viele Gedanken zu deinen Texten und kann diese gar nicht so schnell fassen und niederschreiben. Muss ich auch nicht. Ich wollte dir dennoch gerne ein kurzes Feedback geben. Sei stolz auf dich. Das sind wir alle viel zu selten ;). Liebe Grüße. Natalie

  • #4

    UJ (Montag, 14 März 2022 10:23)

    Lieber Hannes,
    ich kenne viele Menschen mit ADHS Charakterisik. Die beste Medizin dafür ist Medizinalcannabis.
    Ich habe dazu einen Blog mit WebApp gemacht. Falls du Interesse hast: https://ujwalden.com oder auch gerne per Mail info@ujwalden.com.
    Ich würde mich freuen dich zu unterstützen. Mit Rat und Tat. So wie du mich mit deiner Musik in den letzten Monaten unterstützt hast. Beste Grüße, UJ