Schatten

Hallo ihr lieben Menschen,

Anfang August hat mich der Kabarettist Sebastian Puffpaff in seine Sendung Puffpaffs Happy Hour eingeladen. Ich hab dort zusammen mit meinem alten Weggefährten Felix Weigt mein Lied Schatten vom Album Das große Spektakel vorgespielt. Am Sonntag wurde die Sendung auf 3sat ausgestrahlt und ich möchte das zum Anlass nehmen, hier nochmal ein paar Worte zur Entstehung des Songs zu verlieren.

Neben vielen positiven Reaktionen und liebem Feedback gab es nämlich auch ein paar große Fragezeichen (was ja auch Sinn und Zweck der Übung ist) und on Top diesen Tweet.

Warum also die Make America Great Again - Mütze?

Erstmal könnt ihr euch den Auftritt HIER in der 3sat-Mediathek anschauen. 



Den Text zu Schatten hab ich irgendwann 2018 auf einer Autofahrt Richtung Würzburg „erdacht“. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie aufgewühlt ich war, weil die Dresdner PEGIDA-Bewegung kurz zuvor ihren absoluten Tiefpunkt erreicht hatte, indem die Teilnehmenden als Reaktion auf die anhaltende private Seenotrettung im Mittelmeer lauthals „Absaufen lassen!“ in die Menge brüllten. Es lässt einen schon ratlos zurück wenn man mitbekommt, wie sich Menschen mit so einer derartigen Kaltherzigkeit anfreunden und identifizieren können. Mir geht es dabei nicht um die mit Kalkül arbeitenden Rattenfänger und geistigen Brandstifter an der Spitze der Bewegung, sondern um den großen Zuspruch für die Erzählungen von PEGIDA, AFD und co., den ich auch über Ecken in Familien von Freund*innen, bei Menschen in meinem Heimatdorf oder im Fußballverein mitbekommen habe.

Ich bin der Überzeugung, dass viele „unmenschliche“ Reaktionen beim genaueren Hinsehen nicht mehr ganz so verwunderlich sind, wenn man in Betracht zieht, mit welchen biologischen und psychologischen Voraussetzungen bzw. Automatismen wir Menschen auf unsere überfordernde postmoderne Welt treffen. In Schatten geht es für mich um menschliche Schwächen, denen wir manchmal eben auch das Ruder überlassen. An denen wir uns festklammern, weil sie uns in ihrer Triggerhaftigkeit erstmal eine Illusion von Kontrolle und Sicherheit geben oder eben auch vor Komplexitäten bewahren können. Diese Dynamik ist für mich ebenso traurig wie verständlich und, vor allem wenn sie von der individuellen auf die gesellschaftliche Ebene wandert, leider auch richtig gefährlich.



2020 ist das alles nicht weniger aktuell.



Was vor zwei Jahren die in jeder zweiten Talkshow ständig durchs Dorf gejagte, von den Springermedien breitgetretene und über soziale Medien maßlos verstärkte Angst vor Übervölkerung, islamistischem Terror und dem Untergang des Abendlandes war, ist heute der massive Kontrollverlust durch das Coronavirus und die damit einhergehenden Verschwörungstheorien. Ich ärgere mich regelmäßig darüber, wie einfach es sich damit gemacht wird, Teile der Bevölkerung wahlweise einfach kollektiv als Covidioten und Aluhutträger oder Nazis abzustempeln. Ich denke jede*r kennt im persönlichen Umfeld oder mindestens über eine Ecke Personen, die in eine der beiden Kategorien fallen, sei es der schräge Onkel oder die alte Schulfreundin, die nach ihrer Internetradikalisierung einfach nicht mehr wiederzuerkennen sind.



 

In einer säkularisierten und über die letzten Jahrzehnte immer weiter individualisierten Gesellschaft, die sich vor allem über Konsum und das Leistungsprinzip definiert, ist es nicht verwunderlich, dass grundsätzliche soziale menschliche Bedürfnisse nach Gemeinschaft, Sicherheit, Identität und Anerkennung zu kurz kommen. Und wenn der Druck auf den Kessel steigt, ob durch die vom globalen Norden selbst verschuldeten Migrations- und Fluchtbewegungen, einem drohenden Klimakollaps, steigender sozialer Ungleichheit (samt der damit einhergehenden Angst, sozial abzurutschen), zunehmender Vereinsamung in allen Altersgruppen und einer Form der politischen Repräsentation, die mit der Lebensrealität vieler Menschen rein gar nichts mehr zu tun hat, braucht man sich nicht wundern, wenn Menschen die erstbeste Hand ergreifen, die ihnen entgegen gestreckt wird.



Im Moment sind das leider in vielen Fällen nationalistische Erzählungen und 
Verschwörungstheorien, über die so viele nach Anschluss, Identität und Erklärungen suchen, in der Regel verstärkt durch die sozialen Medien.


Ich kann in dem Kontext die Podcastreihe Rabbit Hole von der New York Times empfehlen. Unter Anderem schildert dort der junge Amerikaner Caleb Cain, wie er nach einem Studienabbruch in einer Phase der Perspektivlosigkeit dem „white nationalism“ verfallen ist und der Host Kevin Rose stellt fest, wie Anhänger*innen der QAnon-Verschwörungstheorie innerhalb der Bewegung Gemeinschaft und soziale Interaktion für sich finden (Die „The Atlantik“ Chefredakteurin Adrienne LaFrance spricht in einem Artikel über QAnon sogar von einer neuen Form von Religion). In beiden Fällen spielen YouTube, Facebook und co. eine große Rolle. 


Das alles muss in Schatten natürlich nicht drinstecken. Für mich geht es im Text wie gesagt vor allem um menschliche Schwächen, die uns alle immer wieder betreffen und beschäftigen, im Kleinen wie im Großen. Ich rücke das Lied nur in dieses Licht, weil jene biologisch in uns angelegten Impulse und Reaktionen auf unsere Umwelt im politischen Diskurs oft zu kurz kommen und wir uns eine Rationalität überstülpen, die in der Form einfach nicht gegeben ist. Ich verlange hier nicht, dass man auf Biegen und Brechen jeden Nazi verstehen muss, ich würde mir aber wünschen, dass wir viel mehr in der Tiefe darüber sprechen, welche strukturellen gesellschaftlichen Probleme dafür sorgen, dass wir reagieren wie wir reagieren, warum daher nationalistische- und Verschwörungserzählungen für viele Menschen überhaupt so attraktiv sind und welche Alternativen wir ihnen (und uns selbst) stattdessen anbieten können.



Vielleicht hat sich inzwischen ja von selbst erklärt, dass ich mit der MAGA-Cap als Requisite aus einer Rolle heraus mein Lied vorgetragen hab. (©Antje Dittmann/ZDF)
Vielleicht hat sich inzwischen ja von selbst erklärt, dass ich mit der MAGA-Cap als Requisite aus einer Rolle heraus mein Lied vorgetragen hab. (©Antje Dittmann/ZDF)

Bei einer so großen Anzahl an Zuschauer*innen ist es sicher nicht ungewöhnlich, dass es zu Irritationen kommt und gerade im Kabarett ist das ja auch so gewollt. Ich wollte hier aber trotzdem in die Tiefe gehen, weil ich in letzter Zeit öfter das Gefühl habe, dass das Schreiben und Performen auf Metaebenen in einer Zeit, in der vieles nur überflogen und der allererste Eindruck direkt in die weite Welt des Internets gepostet wird (vor allem wenn es um Empörung geht), nicht unbedingt der beste Ansatz ist. Vor allem dann, wenn es um komplexe Themen geht, die mir am Herzen liegen.

Vielen Dank fürs Lesen und bis bald

Hannes

P.S. In der dritten Folge von meinem hauseigenen Was tun(?) Podcast haben ich mit den beiden Journalist*innen Bastian Berbner und Alexandra Rojkov unter anderem auch darüber gesprochen, dass es sich immer lohnt, Menschen denen man eigentlich erstmal kritisch gegenübersteht, genauer zu betrachten, sich auf sie einzulassen und wenigstens zu versuchen sie zu verstehen. Ich hab aus dem Gespräch sehr viel mitgenommen und möchte es euch hiermit nochmal ans Herz legen.

P.P.S. Im dritten Kommentar unter dem Artikel hab ich noch ein paar ergänzende Sätze nachgereicht.

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Kommentare: 8
  • #1

    Markus (Mittwoch, 16 September 2020 23:12)

    Hallo lieber Hannes,
    ich habe große Sympathie für das, was und wie du es machst, aber dieser Text ist für mich entschieden zu "sozialtherapeutisch"...
    "Ich verlange hier nicht, dass man mit Gewalt jeden Nazi verstehen muss" - mit Gewalt jeden?...nee, muß man nicht, Punkt. Pegida, vielleicht. Nazis, nein. Willst du als Nazi-Versteher bekannt werden?
    Und die Kappe ist nicht witzig, sorry.
    Der Typ, der den Spruch bekannt gemacht hat, ist ein schlimmer egomanischer Brandstifter, der die USA an den Rand eines Bürgerkriegs geführt hat und bevorzugt mit den miesesten Schurken dieser Welt zusammenarbeitet. Dann kann man, böse gesagt, auch "Arbeit macht frei" auf seine Kappe drucken - sollte man aber nicht.

    LG,
    machs gut,
    Markus

  • #2

    Kai (Mittwoch, 16 September 2020 23:29)

    sehe das ähnlich wie Markus :|

  • #3

    Hannes (Donnerstag, 17 September 2020 02:59)

    Hallo lieber Markus,

    danke für deinen Kommentar erstmal!

    Ich glaube du hast mich da nicht so recht verstanden. Das mit der Mütze soll absolut nicht witzig sein. Ich stehe ja auf einer Kabarett-Bühne und setze mir das Ding erstmal mit relativ großer Geste auf bevor ich mein Lied spiele, singe es also aus einer "Rolle" heraus. Ich hätte mir alternativ auch einen Aluhut aufsetzen können (das wär mir aber ein bisschen zu plump gewesen). Es geht eben um Narrative an denen sich Menschen festklammern.

    Ich teile deine Meinung zu Donald Trump komplett, auch wenn ich den "Arbeit macht frei"-Vergleich ehrlich gesagt ein wenig polemisch finde. Aber der Punkt ist doch der, dass er von fast 50 % der wählenden amerikanischen Bevölkerung zum Präsidenten gemacht wurde (und die würden sich eben alle diese Mütze aufsetzen). Willst du die durch die Bank über einen Kamm scheren? Ich glaube eben, dass man es sich damit zu leicht macht und verstehen muss, was in den USA seit der Finanzkrise 2007 passiert ist, wie dort die Realitäten sind und was die Menschen dazu treibt einen Typen wie Trump als Lösung ihrer Probleme zu sehen.

    Ich sage im Text ausdrücklich, dass man eben NICHT auf Biegen und Brechen jeden Nazi verstehen muss (deshalb versteh ich auch deinen Punkt mit dem "Naziversteher" nicht so recht). Und ich differenziere ja sehr wohl zwischen den mit Kalkül arbeitenden Köpfen und den "Mitläufern", die man vielleicht sogar über Ecken in seinem eigenen Umfeld hat.

    Ja, man muss sich diesen Bewegungen mit aller Macht entgegen stellen. Aber es ist ebenso wichtig zu verstehen, warum sie in unserer Zeit überhaupt auf so große Resonanz stoßen.

    P.S. Das "mit Gewalt verstehen" fand ich im Nachhinein übrigens nicht so gut gewählt von mir und hab daraus im Text ein "auf Biegen und Brechen" gemacht.

  • #4

    Sandy (Donnerstag, 17 September 2020 10:19)

    Lieber Hannes! Ups, da musste ich doch mal kurz schlucken...
    "Hannes der Naziversteher..."
    Der Hannes bei dem ich erst kürzlich zu meinem Mann gesagt habe :"Ist klar, dass er (also du) bei Mind the gap - Ausstieg in Fahrtrichtung links singt", obwohl durch das Rechtsfahrgebot schlagmichtot (auf jeden Fall deutliche) Prozent häufiger in Fahrtrichtung rechts ausgestiegen wird... Gleiche Silben und trotzdem links. Mag sein, dass du jetzt wieder sagst, hab ich mir beim Schreiben nicht so gedacht - aber doch!
    Hannes, das bist Du und das hört man in allem was Du sagst, schreibst und singst!

    Zuhören und Verstehen von Problemen der Anderen heißt nicht, sich dem Anzuschließen oder zu symphatisieren. Sonst wäre auch die komplette Psychotherapie obsolet. Wir alle haben Geschichten, Lebensläufe, Schicksale die uns letztendlich zu dem machen, was und wer wir sind. Jeder für sich muss lernen innere Vorurteile gegenüber Anderen (welcher Gruppierung sie auch immer angehören mögen) abzubauen.

    Aber wir sind so erzogen und haben gelernt (Wir ALLE sind Spiegel) "Du musst gucken, wo du bleibst". Ist auch verständlich wenn alle Menschen gleichzeitig versuchen eine schmale, ich nenne sie mal "Karriereleiter" zu erklimmen. Auf dem Weg nach oben links und rechts andere, die vermeintlich im Weg stehen hinunter zu schubsen. Wie bei einer Massenpanik. Nur was wird aus den runtergeschubsten? Entweder sie stehen auf und probieren es weiter, oder sie bleiben unten liegen und werden erst unzufrieden mit sich selbst und dann mit anderen und dann vielleicht Hartz IV Empfänger, Alkoholiker, Nazis und schubsen weiter und weiter auf Flüchtlinge, Ausländer, Obdachlose, Putzfrauen usw.
    Deshalb ist es ungemein wichtig zu verstehen... Man könnte auch sagen "Unkraut bei der Wurzel packen", "die Krankheit statt die Symptome zu heilen"...
    Lieber Hannes viel Text, der mir im Magen lag! Bleib so wie Du bist! Alles Liebe!
    Sandy (aus Wiesbaden)

  • #5

    Tobias (Donnerstag, 17 September 2020 17:25)

    Sehr intelligente Aktion. Vermutlich leider zu intelligent für viele. Ich denke, auch in deinem Text wäre die Info aus deinem Kommentar noch wichtig, dass du mit der Kappe in eine Rolle geschlüpft bist. Und wahrscheinlich wäre eine Kappe mit "Lügenpresse" oder so tatsächlich weniger subtil und potentiell missverständlich gewesen.

    In jedem Fall: mach weiter so. Das, was du machst ist wichtig!

  • #6

    Ausm Norden (Donnerstag, 17 September 2020 17:26)

    Moin Hannes,

    ich lese seit langem Deine Newsletter und verfolge ein wenig was Du tust.
    Vielen Dank für diesen Text. Es hat mich ein wenig weiter gebracht.
    Gruß,
    Ausm Norden

  • #7

    Alex (Freitag, 18 September 2020 09:46)

    Guter Hannes,

    die Aktion mit der Kappe war eine Gute -
    wenn man sie verstanden hat und der Song
    ging wieder einmal verdammt tief..
    Deine Klänge rühren mich oftmals zu Tränen -
    Du bist mein bester Therapeut ;o)

    Grüße in allen Farben

  • #8

    Harald (Sonntag, 20 September 2020 00:23)

    interessante erklärungen ...
    ich war anfänglich etwas stutzig, hab's mir dann aber ganz einfach so erklärt: wenn jemand auch jetzt, nach 4 jahren D.T. noch immer "make great again" sagt, schreibt oder auf der kappe trägt, so bedeutet es doch, dass es noch immer nicht großartig ist ... und das stimmt allemal und so war ich zufrieden ...
    *ggg*