Das kleine Spektakel

Hallo ihr lieben Menschen,

ich muss mich dringend sortieren.

Das letzte Jahr hat mein Leben ganz schön durchgerüttelt ... nicht nur meine Arbeit, Rolle und Wahrnehmung als Musiker, auch die Art und Weise, wie ich selbst zu meinem "Beruf" stehe, was mir wichtig ist und welche Schlüsse ich daraus ziehe, haben sich komplett verändert. Neben all den positiven Erfahrungen auf Konzerten und hier im Internet hatte ich zwischendurch auch ein paar ziemliche Durchhänger und bin immer wieder an meine Grenzen gestoßen.

Eigentlich ist das nicht verwunderlich. Im Sommer 2017 hab ich mich über mehrere Monate hinweg fast täglich mehrere Stunden mit kapitalistischen Mechanismen und den daraus folgenden ökologischen und sozialen Krisen unserer Zeit beschäftigt und mich bald um nichts anderes mehr drehen können. Die Entscheidung, meine Haltung und mein Auftreten als Musiker quasi komplett nach diesen Themen auszurichten, hat dann zwar erstmal große Energien in mir freigesetzt (wenigstens einfach irgendwas tun), letztendlich hat das Einbinden meines Berufs und meiner Leidenschaft aber dafür gesorgt, dass ich mehr denn je um den immer gleichen Themenbereich rotiere, was auf Dauer ziemlich anstrengend sein kann.

"Du hast da wirklich ein Fass aufgemacht, den Deckel bekommst du alleine nicht wieder drauf. Fall nur nicht rein."

hat mir kurz nach meinem Kurswechsel ein netter Mensch an eine PayPal-Überweisung angehängt ... Ich bin trotz der Warnung kopfüber hineingesprungen und nun ganz schön am Paddeln.

Seit ich vor gut einem Jahr damit angefangen habe, in diesem Blog hier meine Gedanken festzuhalten, habe ich außerdem kein einziges Lied mehr geschrieben. Ich merke, dass ich bei den Themen, die mich seit geraumer Zeit beschäftigen, mit Liedern als Ausdrucksform an Grenzen stoße. Songtexte, die ein bisschen kryptisch gehalten sind und Raum zur Interpretation offen lassen, sind eine großartige Möglichkeit, um diffuse Gefühlslagen, die aus komplexen Umständen heraus entstanden sind, runterzubrechen, einzuordnen und ein Stück weit auch erfahrbar zu machen. Um diese komplexen Umstände aber zu benennen, tiefer in sie einzutauchen und von einer Gefühlsebene irgendwann auf eine rationale zu kommen, dazu reichen ein paar gereimte Zeilen einfach nicht aus ... zumindest nicht bei der Art und Weise, wie ich meine Texte schreibe. Ich nutze das Schreiben schon lange als Möglichkeit, das Kuddelmuddel in mir aufzuräumen, in Worte zu fassen und nach Außen zu bringen. Oft verstehe ich mich selbst nicht so richtig, bis ich ein Lied auf das Papier "gekotzt" habe.
In der letzten Zeit haben die Blogartikel diese Ventil-Funktion für mich übernommen. Wenn auch mit Einschränkungen. Es ist nicht selten vorgekommen, dass ich Stunden oder Tage an einem Artikel gesessen habe, nur um ihn dann doch wieder zu verwerfen. Es fällt mir manchmal schwer, den richtigen Ort für meine Gedanken zu finden, genauso wie es mir schwer fällt, den Ort, den ich mir hier geschaffen habe, mit den richtigen Gedanken zu füllen. 

Und eigentlich will ich auch gar nicht auf andere Gedanken kommen. Zwar tut sich ein bisschen was und zumindest das Thema Klimawandel scheint inzwischen auch in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Gleichzeitig bin ich mir aber nicht sicher, ob sich die Menschen, die da nun grün wählen oder mit Fridays for Future auf der Straße stehen, auch darüber im Klaren sind, mit was für Umwälzungen (Mobilität, Konsum, individuelle Freiheiten) sie selbst zu rechnen haben, wenn das, was sie fordern, wirklich konsequent umgesetzt wird. Die Konfliktlinie verläuft ja nicht nur zwischen uns und den bösen großen Firmen oder untätigen Regierungen, sondern auch mitten durch uns selbst hindurch. Nicht falsch verstehen, ich finde es großartig, wenn Leute sich politisieren und Dinge in Bewegung geraten. Ich hab nur die Befürchtung, dass es sehr schwierig sein wird, kollektiv von alten Gewohnheiten und Selbstverständlichkeiten Abstand zu nehmen, gerade in unsrer Bundesrepublik, in der das Durchschnittsalter der wählenden Bevölkerung jenseits der 50 Jahre liegt. Gleichzeitig versprechen ja Politker*innen verschiedenster Couleur grünes Wachstum samt einer wirtschaftskonformen Klimapolitik (und nicht andersherum). Einen guten Überblick darüber, wie ernst die Lage aber eigentlich ist, welche radikalen Schritte notwendig wären und einen niedrigschwelligen Einstieg in den Aktivismus bietet übrigens dieser Vortrag der Extinction Rebellion. Aber ich schweife schon wieder ab.

Ich muss mich dringend sortieren.

Es ist ja nicht neu, dass ich mir zwischen Alben und Projekten mal längere musikalische Auszeiten genommen hab um mir den Raum für neue Ideen zu geben ... Zeit, Dinge zu erleben und zu durchdenken, über die es sich zu schreiben lohnt. Mein "Experiment" (oder wie auch immer man es nennen möchte) hat eigentlich gerade erst angefangen, ich hab aber trotzdem das Bedürfnis, die Phase "Das große Spektakel" abzurunden und erstmal eine Zäsur zu setzen. Und zwar in Form einer kleinen Konzertreise, ganz ursprünglich, alleine mit meiner Gitarre. Ich hab in letzter Zeit viel darüber nachgedacht, was mich eigentlich zu dem Punkt geführt hat, an dem ich jetzt und heute bin. Dabei sind mir ein paar rote Fäden aufgefallen, die sich durch die letzten 10 Jahre meines Songwriterschluffi-Daseins ziehen. Ich hab daher beschlossen, das Ganze mal von hinten bis vorne zu durchleuchten, mich chronologisch durch meine Alben von Bodenangst bis zum großen Spektakel zu spielen und dabei den einen oder anderen Faden zu verfolgen und aufzuwickeln. Ich stelle mir die Abende als eine unterhaltsame Mischung aus Musik, Erfahrungsbericht, Selbsttherapie und Erzählstunde vor ... "Das kleine Spektakel". Und ganz wichtig: Am Ende soll es dabei nicht um mich gehen sondern um uns.

Wir müssen uns dringend sortieren.

Bis dahin

Hannes

P.S. Achja, hier natürlich noch die Tourdaten ... der Eintritt für alle Konzerte läuft wie immer auf Pay-what-you-want-Basis (Vorschlag 1-2 Scheine deiner Wahl) an der Abendkasse. Reservierungen gibt es dieses mal nicht:

09.11. Osnabrück - Kleine Freiheit
10.11. Haldern - Pop Bar
11.11. Langenberg - KGB
12.11. Hannover - Lux
13.11. Hamburg - Nachtasyl
14.11. Dortmund - Kino im U
15.11. Berlin - Monarch
17.11. Leipzig - Werk 2
20.11. Köln - Artheater
22.11. Mannheim - Forum
23.11. Frankfurt - Brotfabrik

Und so schaut das dann in etwa aus (Foto von Lars Kaempf)
Und so schaut das dann in etwa aus (Foto von Lars Kaempf)

Kommentar schreiben

Kommentare: 2
  • #1

    Verena (Mittwoch, 11 September 2019 15:18)

    Hallo Hannes.
    Oh, da hab ich Lust drauf. In Mannheim bin ich dann dabei.
    Dein Text spricht mir sehr aus der Seele. Es ist alles viel zu kompliziert um es einfach zu machen.
    Für jeden ist aus seiner eigenen Sicht irgendwas ganz einfach, was für Andere wiederum ein Riesen Problem darstellt. Nicht, weil sie nicht wollen, sondern weil es keine adäquate Möglichkeit als Lösung gibt.
    Ich bin dazu über gegangen, für mich Mögliches einfach zu machen und kein schlechtes Gewissen zu haben, wenn ich anderes für mich nicht umsetzbar finde.

    Ich freu mich auf Mannheim.

    Viele liebe Grüße

  • #2

    snow white (Freitag, 13 September 2019 08:35)

    Alles Gute, lieber Hannes! Danke, dass Du Dir so viele Gedanken machst... Wäre schön, wenn es Dich mal wieder nach Wien verschlägt :)