Abwesenheitsnotiz

Hallo ihr lieben Menschen,


ich hab offensichtlich schon länger nichts mehr von mir hören lassen. Weil das Gründe hat und ich gerade ein bisschen Zeit, wollte ich nun doch Mal meine parasozialen Beziehungen pflegen und wenigstens kurz diese Abwesenheitsnotiz nachreichen.

und zwar von hier ...
und zwar von hier ...

Vielleicht habt ihr ja mitbekommen, dass ich schon Anfang 2020 den Plan hatte, mit dem Frachtschiff nach Kanada überzusetzen und dort für längere Zeit ein wenig auf neue Gedanken und vor allem "runter" zu kommen. Eigentlich hatte ich das schon damals bitter nötig, weil die Jahre zuvor ganz schön intensiv gewesen waren. Eine Woche vor der Abfahrt ist dann diese unsägliche Pandemie ausgebrochen und so hab ich einfach fleißig weiter gewurschtelt, Podcasts aufgenommen Blogartikel geschrieben und Musik veröffentlicht. Das war schon wieder intensiv und auch toll und bereichernd, hat die Notwendigkeit den Kopf frei zu bekommen aber nicht unbedingt abgemildert.


Anderthalb Jahre später Sitze ich nun endlich mitten in der südfranzösischen Pampas (bzw. Auvergne) auf einer Bank, bin heute schon 20 Kilometer gelaufen und werde das auch Morgen und die Tage danach wieder tun (sowohl laufen, als auch auf Bänken sitzen ... und zwar jeweils viel). Ich bin gerade dabei einmal, von Genf bis in die Pyrenäen, quer durch Frankreich zu wandern. Zufällig ist das auch der französische Teil des "Camino" Richtung Santiago de Compostella. Mir scheint der Jakobsweg für viele Pilger*innen vor allem eine große Metapher für den gesellschaftlich tolerierten Ausbruch aus dem überfordernden Alltag darzustellen. Ich selbst sehe mich nicht unbedingt als Pilger, aber es ist faszinierend und auch wohltuend zu sehen was diese Metapher alles mit sich bringt. Ich glaube ich kenne sonst keine andere Situation in der westlichen Gesellschaft, in der einem vom Großteil der Menschen so viel Respekt, Wohlwollen und Solidarität entgegen gebracht wird, ohne dass man dafür etwas irgendwie "nützliches" tun muss. Einfach nur für das "da sein" und Tag für Tag einen Fuß vor den anderen setzen werde ich allerorten angelächelt, freundlich angesprochen und bekomme Hilfe angeboten. Sogar viele Leute in den entgegenkommenden Autos winken mir zu. Der Weg als Ausweis eines der Nettigkeit würdigen Menschen, eine genauso wundersame wie wunderbare Sonderposition.


Und ja, all die Klischees stimmen natürlich. Ich laufe mir die Füße wund, esse wilde Brombeeren vom Wegesrand und denke in einer Intensität über mich, die große weite Welt, das Leben und den Tod nach, wie ich es wahrscheinlich noch nie zuvor getan habe. Heute hab ich mir beim Laufen zum Zeitvertreib ein paar Lieder vorgesungen und musste bei der zweiten Strophe von "Die Gedanken sind frei" tatsächlich ein bisschen heulen ... Ich schäme mich schon fast ein wenig für den Pathos, aber so ist das wohl wenn die Landschaft im Schrittempo an einem vorbei zieht, so viel Äußeres still steht und dabei so viel Inneres in Bewegung gerät.

Mit meinem Schulfranzösisch komme ich erstaunlich gut über die Runden. Ich hab mich bereits angeregt über Emotionales, Kunst, Papageien und die Pinochet-Diktatur in Chile unterhalten, aber ab und zu vergesse ich das französische Wort für "Gabel". Weil gerade Nebensaison ist, treffe ich unterwegs bisher sowieso kaum auf Menschen und laufe die allermeiste Zeit alleine durch die Gegend. Einer der wenigen Wegbegleiter ist Branko, der Schweiz-Italiener mit kroatischen Wurzeln, der mit Zelt und zwei Hunden unterwegs ist. Ein Pitbull (Franjo) und ein Chiwawa (Rocky). Nachts schlafen die beiden mit ihm im Schlafsack. Während Rocky es sich im Fußraum bequem macht, legt sich Franjo quer über Brankos Brust, so dass auch in den kalten Nächten niemand frieren muss. Ein rührendes Trio.

Branko, Franjo und Rocky
Branko, Franjo und Rocky

Kennt ihr das, wenn man fix eine kurze Abwesenheitsnotiz hinterlassen möchte und dabei versehentlich einen Reisebericht schreibt? Nicht? Ich jetzt schon ... Also zurück zum Thema.


Eigentlich wollte ich kurz vor meiner Abreise Anfang September einen zwanzigseitigen Essay veröffentlichen, den ich ich im letzten halben Jahr geschrieben hatte. So etwas wie eine "Abschlussarbeit" über die letzten 4 Jahre, aus der aber versehentlich ein Selbsterfahrungstripp durch die letzten anderthalb Jahrzehnte geworden ist. Irgendwie hat dann aber doch der letzte Feinschliff gefehlt und ich wollte den Text nicht aus Zeitdruck unfertig auf diese Seite stellen. Erstmal hat es mich gewurmt hier keine richtige "Zäsur" setzen zu können, aber jetzt bin ich ganz froh darüber, weil inzwischen noch ein ganzer Haufen Gedanken dazu gekommen ist. Wahrscheinlich könnte man mit all dem sogar ein ganzes Buch füllen. Ich schreibe unterwegs viel auf und hole in den Pausen meine Ukulele raus, merke dabei aber gleichzeitig, dass ich gerade keinerlei Bedürfnis danach verspüre, das was da so aus mir raus kommt in irgendeiner Form zu "verwursten". Wenn ich ehrlich bin ist da sogar ein kleiner Widerstand. Wahrscheinlich hab ich in den letzten Jahren einfach zu viel Zeit mit dem "Verwursten" von Dingen verbracht. 


Was ich damit sagen möchte: Ihr lieben Menschen, die ihr mir in den letzten anderthalb Jahren, seit Beginn der Pandemie, mit euren Spenden und Daueraufträgen den Arsch gerettet und (trotz aller Bedingungslosigkeit) gleichzeitig wohl auch ein bisschen in Bewegung gehalten habt. Ich bin euch unendlich Dankbar für das Vertrauen und die Unterstützung, kann gerade aber absolut nicht sagen ob oder wie oder wann es in nächster Zeit wieder "Verwurstetes" von mir geben wird. 


Ich hoffe ihr habt hieran ein wenig Freude gehabt und möchte an dieser Stelle nochmal auf Ein Geräusch verweisen. Damit hab ich glaube ich ganz gut zusammengefasst, was ich in den letzten zwölf Jahren so sagen wollte ... Ich flaniere dann mal weiter und melde mich natürlich über die üblichen Kanäle, sobald es was Neues zu berichten gibt. 


Bis dahin gehabt euch wohl und kommt gut in und durch den Herbst und Winter!


Euer


Hannes

P.S. Nachdem dieser Text auf meiner fizzelig kleinen Handytastatur entstanden ist und nicht lektoriert wurde: Verzeiht einem Semi-Legastheniker die Rechtschreib- und Satzzeichenfehler.

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Kommentare: 12
  • #1

    Maxi (Donnerstag, 23 September 2021 22:53)

    Merci beaucoup, lieber Hannes. Ich bin sehnsüchtig berührt von deines Wegesrändlichkeiten... Bon voyage...

  • #2

    Ronald (Freitag, 24 September 2021 13:18)

    Der Weg ist das Ziel, aber das weißt Du ja Hannes! Gute Füße weiterhin! Und pass auf Dich auf! Danke für Deine geschriebenen Gedanken!

  • #3

    Stefan (Freitag, 24 September 2021 14:13)

    Ich mag deine Abwesenheitsnotiz freue mich dennoch auf Verwurstetes.

  • #4

    Fabian (Freitag, 24 September 2021 18:55)

    "Ein Mensch sah in der Straßenbahn der Reihe nach die Leute an, jäh war er zum Verzicht bereit auf jede Art Unsterblichkeit!" (Eugen Roth)
    Ein Hoch auf die Einsamkeit in der Natur!
    Aus der Berliner Straßenbahn von deinem Fuchsstädter Genossen.
    Immer eine Handbreit festen Boden unter den Füßen!

  • #5

    Merle (Freitag, 24 September 2021 19:07)

    Ich würde sofort ein Buch über deine Reise lesen. Gute Reise weiterhin. �

  • #6

    Hans (Freitag, 24 September 2021 20:05)

    Im Jahr vor Coronabeginn war ich auf dem Camino von Porto aus, wollte eigentlich nur eine Freundin begleiten und habe mich aber ziemlich genau so gefühlt, wie Du es von Dir berichtest. Es hält immer noch an. Ich wünsche Dir gutes Wetter, alles andere wird mit dem Weg kommen.
    Ich werde Dir nun auch ein wenig monatliche Unterstützung mitgeben, solange ich das kann, lebe einfach. Liebe Grüße

  • #7

    Luise (Freitag, 24 September 2021 23:18)

    Wie und was Du singst mag ich, wie Du übers Wandern schreibst jetzt auch. Gute Reise!

  • #8

    Edda (Samstag, 25 September 2021 03:42)

    Ehrlich Hannes, mir haben deine Gedanken gefehlt.
    Umso mehr freue ich mich über deinen Bericht!
    Grüße an den sympathischen Branko und weiterhin
    einen guten Weg!
    P.S. Die Idee mit dem Buch solltest du weiter verfolgen!

  • #9

    Lena (Samstag, 25 September 2021 18:54)

    Buen camino!

  • #10

    Stefan (Samstag, 25 September 2021 20:50)

    Ich war 2014 von Le Puy bis Finisterre unterwegs und der wenige Platz auf meinem alten Handy war damals überwiegend mit deinen Alben gefüllt. Sie waren die beste Wegbegleitung, die ich mir nur wünschen konnte! Ich wünsche dir eine gute Zeit und tolle Begegnungen!

  • #11

    Jay Cunningham (Montag, 27 September 2021 18:34)

    Nice to meet you today on the GR65 and talk while we ate our lunch! I found some of your performances on YouTube and enjoyed them. My YT channel is: https://youtube.com/c/jcunn1951
    Hope you have a great Camino!

  • #12

    Frank (Sonntag, 03 Oktober 2021 22:17)

    Hab keinen Recht schreib Fehler finden können, wenn ich nächsten Monat wieder flüssig bin, schick ich Mal nein 10er. Gruß...